Paris. (art) Arbeitskampf, Terror-Angst und eine Rassismus-Debatte rund um das Nationalteam: Bei vielen Franzosen herrscht angesichts der Lage im Land eineinhalb Wochen vor der EM-Eröffnung am 10. Juni anstelle von Europhorie eher Europhobie. Nachdem ein am Dienstag begonnener unbefristeter Streik bei der französischen Staatsbahn SNCF zu erheblichen Behinderungen im Schienenverkehr gesorgt hat, schon in der Vorwoche aufgrund von Protesten und Blockaden bei Treibstofflagern und Ölraffinierien der Sprit knapp geworden ist, fürchten viele auch für die Wochen des Turniers ein Chaos. Schließlich diskutieren auch die Fluglotsen eine Arbeitsniederlegung ab Freitag - womit die Anreise der Nationalmannschaften, vor allem aber der Fans aus ganz Europa - behindert werden könnte. Auch die Piloten der Air France wollen gegen Lohnkürzungen rund um die geplante Eröffnung protestieren. Und für den 14. Juni, also genau jenen Tag, an dem Österreich in Bordeaux gegen Ungarn seinen ersten EM-Auftritt absolviert, haben die Gewerkschaften zudem einen nationalen Aktionstag angekündigt.

Hintergrund ist die umstrittene Reform, mit der Staatschef François Hollande Arbeitszeit und Kündigungsschutz lockern will. Zwar betonte Hollande, er werde sich in seinen Plänen nicht beirren lassen und nannte die Terrorgefahr als größere Bedrohung für die EM - doch die Gewerkschaften haben ein gewichtiges Druckmittel in der Hand. Ein Chaos bei der EM wird wohl auch der Präsident vermeiden wollen. Schließlich sind seine Umfragewerte auch so schon im Keller, während die Rechtspartei Front National immer größeren Zulauf erhält. Und dies hat, glaubt man zumindest Karim Benzema, sogar schon Auswirkungen auf den Sport. Wie erwartet, fehlt der Real-Stürmer im endgültigen EM-Aufgebot, das Teamchef Didier Deschamps am Dienstag an die Uefa übermittelte. Der Trainer habe sich der rassistischen Grundstimmung im Land gebeugt, mutmaßte Benzema in einem Interview mit der spanischen Sportzeitung "Marca". Ähnlich hatte auch schon Stürmerikone Eric Cantona die Nichtnominierung von Hatem Ben Arfa kommentiert. In Benzemas Fall dürfte jedoch eher seine Verwicklung in die Affäre um eine Erpressung seines (ebenfalls nicht berücksichtigten) früheren Teamkollegen Mathieu Valbuena ausschlaggebend gewesen sein.