Bis auf eine CDU-Abgeordnete, die mit "Nein" stimmte, und einen CDU-Abgeordneten, der sich der Stimme enthielt, sprachen sich alle anwesenden Mitglieder des Bundestages für die Armenien-Resolution aus. Kanzlerin Merkel ließ sich entschuldigen, Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) fehlten ebenfalls. Warum Merkel es nicht geschafft habe, ihre eigene Partei von einem "Nein" zu überzeugen, verstehe er nicht, polterte Erdogan. Der türkische Präsident kennt es üblicherweise selbst nicht anders, als dass ihm seine Mannschaft ohne Widerrede folgt. Zudem behauptete er, die Kanzlerin habe ihm ein "Nein" zugesichert. Die deutsche Regierungsspitze reagierte unaufgeregt auf den wütenden Präsidenten. Sprecher Steffen Seibert richtete am Montag aus, das Parlament treffe "souveräne" Entscheidungen. "In diesem Sinne hat die Bundeskanzlerin auch ihre Gespräche mit dem türkischen Staatspräsidenten geführt."

Erdogans undiplomatische Äußerungen dürften ohnehin eher die Türkei und weniger Deutschland im Blick gehabt haben. Seine lautstarken Anfeindungen dienten dem Präsidenten dazu, sich als mächtiger Mann zu präsentieren - den Europa noch dazu braucht. Doch auch wenn die EU in der Flüchtlingsfrage auf die Türkei als Partner setzt: Nach wie vor ist die Türkei vor allem wirtschaftlich stark auf Europa und ganz besonders auf Deutschland angewiesen. "Mit einem kumulierten Investitionsvolumen von über 12 Milliarden Euro seit 1980 ist Deutschland auch der größte ausländische Investor", heißt es vom Auswärtigen Amt in Berlin. Und die fast drei Millionen in Deutschland lebenden Menschen türkischer Herkunft - von denen etwas mehr als die Hälfte die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen - seien "ein bedeutender Faktor in den bilateralen Beziehungen".

"Haben Sie Sorge, dass die türkische Gemeinschaft hier in Deutschland das Vertrauen in die deutsche Gesellschaft und Politik verlieren wird?", wurde denn auch Außenminister Steinmeier zwei Tage vor der Abstimmung in Berlin von einem türkischen Korrespondenten gefragt. "Eindeutiges Nein", antwortete der Minister. Die Haltung jener Menschen, die über zwei, drei Generationen in Deutschland leben würden, lasse sich nicht durch eine einzige Entscheidung im Parlament grundlegend beeinflussen. Der Interessensverband "Türkische Gemeinde in Deutschland" sieht das anders und spricht von einer "negativen Beeinflussung der Beziehungen zwischen Deutschen und Deutsch-Türken". Von den Entgleisungen aus der Türkei distanzierte man sich aber: "Morddrohungen und Bluttestforderungen finden wir abscheulich", so der Bundesvorsitzende des Verbandes, Gökay Sofuoglu. "Irgendwelche durchgeknallten Verrückten", die Erdogan zuhörten, könnten dessen Worte als Aufruf verstehen, fürchtet indes der Grün-Abgeordnete Mutlu. So seien bereits viele Menschen in der Türkei zu Tode gekommen.