Dass im Brexit-Streit ein Populist auf einen Seriosität vermittelnden Politiker trifft, ist für Wehling weltweit ein durchgängiger Trend - und Gegenstand ihrer Studien. Die Wähler der Populisten hätten bestimmte Werte, die auch den Zentrumsparteien nicht fremd seien: "Da gibt es Überlappungen", sagt Wehling, "Zentrumsparteien nehmen aber ihre Werte nicht ernst." Parteien wie die CDU in Deutschland etwa brächten eigene Werte, die durchaus auch von Wählern der Populisten geteilt würden, nicht genug in die politische Diskussion ein. "Der Werte-Flügel nach rechts und nach links wird wahnsinnig offen gelassen", sagt Wehling. Das sei aus Sicht der Zentrumsparteien "über Jahre und Jahrzehnte richtig schlecht gelaufen". Dies wiederum nutzten die Populisten - "und das ist aus ihrer Sicht auch völlig richtig." Denn: "Fakten und Zahlen haben keine universelle Bedeutung, sondern werden ‚bewertet’. Wenn dem nicht so wäre, dann gäbe es keinen politischen Streit."

Wähler entscheiden nach dem Bauchgefühl

"Auch wenn die Populisten manchmal falsche Fakten verwenden - es kümmert wenig", veranschaulicht Wehling. "Wir wissen aus der Verhaltensforschung, dass die Wähler nicht nach Fakten entscheiden, sondern nach dem moralischen Bauchgefühl. Man verzeiht einem Populisten gerne einmal Fehlinformationen, wenn man sich moralisch bei ihm zuhause fühlt."

Und wer hat nun unschlüssige Wähler besser überzeugt, Cameron oder Farage? "Ich persönlich finde, dass Cameron es besser gemacht hat", sagt Wehling. "Aus Sicht unserer Forschung würden wir sagen: Er stand gut da. Aber es war nicht der große, geniale Schachzug. Weder für Cameron noch für Farage."

Zumindest auf die Wahlbeteiligung könnten sich die TV-Debatten positiv ausgewirkt haben. Zeitgleich mit ihnen lief die Frist für die Wählerregistrierung aus: Bis Mitternacht hätten sich Wahlberechtigte auf der Webseite der Wahlkommission eintragen können. Doch die Seite brach wegen des Ansturms zusammen - mehr als eine halbe Million Menschen hatten sich allein am Dienstag angemeldet. Deshalb änderte man im Schnellverfahren die gesetzlichen Grundlagen für eine Verlängerung der Frist: Die Registrierung für das EU-Referendum war am Mittwoch jedenfalls immer noch möglich.