Madrid. Als vor fünf Jahren Spaniens "Empörte" auf der Madrider Puerta del Sol wochenlang gegen die Spar- und Austeritätspolitik der konservativen Regierung protestierten, sagte Ministerpräsident Mariano Rajoy (PP) einen Satz, den er heuer wohl bereuen dürfte: "Wenn sie wirklich meinen, so viele Menschen hinter sich zu haben, sollten sie aufhören, Plätze zu besetzen, und in die Politik gehen."

Gesagt, getan - und mit Erfolg. In der Nacht zum Freitag hat in Spanien offiziell der Wahlkampf zu den vorgezogenen Parlamentswahlen vom 26. Juni begonnen, und die erst vor zwei Jahren aus der Empörten-Bewegung hervorgegangene Protestpartei Podemos (Wir können) dürfte die Sozialisten als zweitstärkste Kraft und Regierungsalternative zu Rajoys konservativen Volkspartei (PP) ablösen.

Wie eine vom staatlichen Forschungsinstitut CIS veröffentlichte Wahlumfrage ergab, kann die Protestpartei von Pablo Iglesias beim Urnengang mit bis zu 25,6 Prozent der Stimmen rechnen und sich damit knapp hinter dem konservativen Wahlfavoriten Rajoy positionieren, der auf 29,2 Prozent hoffen darf. Die Sozialisten (PSOE) liegen derzeit knapp hinter ihrem Dezember-Wahlergebnis von 21,2 Prozent. Doch die erst vor wenigen Wochen beschlossene Wahlallianz "Unidos Podemos" mit der postkommunistischen Vereinten Linken (Izquierda Unida) verschafft Podemos fünf Prozentpunkte mehr Stimmen als beim Urnengang kurz vor Weihnachten.

Schwer zu mobilisieren


Sozialistenchef Pedro Sánchez übte sich in Zweckoptimismus, betont die "begrenzte Aussagekraft von Wahlumfragen". Mit Blick auf das große Wählerpotenzial der Sozialisten versichert er: "Die Wähler von PP und Podemos sind zweifelsohne motivierter. Wir müssen unsere eigenen Wähler nur mobilisieren."

Ob das so leicht wird, daran zweifelt der spanische Wahlforscher José Pablo Ferrándiz allerdings. "Traditionell nehmen die sozialistischen Wähler in der Tat nicht so aktiv an Wahlen teil wie die der Konservativen. Doch dürfte die Beteiligung bei den Wahlen in zwei Wochen sogar noch geringer sein als bei den Wahlen Ende des Vorjahres", so der Soziologe vom Meinungsforschungsinstitut Metroscopia.

Hier fangen die Probleme für Pedro Sánchez erst an. Seit vergangener Woche stehen zwei Schwergewichte seiner Partei, die ehemaligen andalusischen Ministerpräsidenten Manuel Chaves und José Antonio Griñan, Korruptionsverdachts vor Gericht - ein schwerer Imageschaden für die PSOE knapp vor den Wahlen. Im Korruptionsskandal "Púnica" haben zwar auch die Konservativen prominente Parteimitglieder auf der Anklagebank. PP-Chef Rajoy nutzen aber die guten Umfrageergebnisse des linken Wahlbündnisses "Unidos Podemos": "Die Konservativen setzen eindeutig auf eine Angstkampagne. Dadurch, dass sie Podemos zum politischen Gegner erheben, der zu bekämpfen ist, degradieren sie die Sozialisten gleichzeitig zur nicht ernstzunehmenden Alternative", sagt der Forscher Ferrándiz.