Griechenland, das mit der Staatsschuldenkrise im Jahr 2010 arg ins Taumeln geraten ist, hatte spätestens ab Sommer 2015 Schwierigkeiten, den Flüchtlings-Exodus im Sommer 2015 zu bewältigen. Als dann aber die Grenze zu Mazedonien im Frühjahr 2016 geschlossen wurde, gab es kein Weiterkommen von Griechenland in andere EU-Staaten mehr und nun leben nach Angaben des UN-Flüchtlingshochkommissariats 54.000 Menschen in griechischen Flüchtlingslagern. Das EU-Türkei-Abkommen, das mit 20. März 2016 in Kraft trat, bedeutet für jene Flüchtlinge, die seither gekommen sind, dass sie nicht mehr weiter in andere EU-Länder im Norden reisen können.

Flüchtlingslager Souda: von der Schwimmweste zum Spielgerät.
Flüchtlingslager Souda: von der Schwimmweste zum Spielgerät.

Der evangelische Pfarrer und Direktor der Diakonie Österreich, Michael Chalupka, zeigte sich nach seinem Besuch auf Chios verärgert: "Während Außenminister Sebastian Kurz nach Internierungslagern ruft, scheinen sie in Chios und Lesbos schon im Ansatz verwirklicht." Denn auf den Inseln wie Chios mit seinem Hotspot habe der EU-Türkei-Deal zwar dazu geführt, dass viel weniger Flüchtlinge ankommen. Diejenigen, die aber bereits da seien, würden auf den Inseln nun wie in einer Falle festsitzen. Die Registrierung und die Erstinterviews des Asylverfahrens gingen äußerst schleppend vonstatten. "Im Hotspot leben die Asylwerber unter gefängnisähnlichen Bedingungen hinter Stacheldraht. Sie dürfen das Camp verlassen, allerdings nicht die Insel", sagt Chalupka.

Neben Vial gibt es auf Chios das vom UN-Flüchtlingshilfswerk betreute Flüchtlingslager Souda. Dort lebt der syrische Elektrotechniker Ahmed, der mit seiner Frau, den drei Söhnen und seinen über 80-jährigen Eltern aus Aleppo über die Türkei in die EU geflüchtet ist. "Warum kümmern sich die Politiker um Banken, aber nicht um Menschen?", fragt Ahmed. "Die Politiker sollen einfach ihre Arbeit machen, damit wir endlich ein Asylverfahren bekommen", sagt er in ausgezeichnetem Englisch. Immerhin, seine Kinder hätten jetzt die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen, aber das reicht nicht, dass sie eine Zukunft haben", sagt Ahmed, dessen Schwiegervater in Österreich lebt. Er will so schnell wie möglich weg aus Souda, wo es nur Tage nach dem Gespräch mit Ahmed zu Ausschreitungen frustrierter Flüchtlinge gekommen ist.

Zelte auf heißem Asphalt


Szenenwechsel: Der Hafen von Piräus. In viereinhalb Stunden ist man von hier aus im Urlauberparadies Mykonos, in fünfeinhalb Stunden auf der Trauminsel Santorin. Doch für hunderte Flüchtlinge ist Piräus Endstation ihrer Sehnsucht nach Deutschland, Schweden oder Österreich. Zelte stehen auf dem heißen Asphalt, es gibt viel zu wenige Toiletten und Duschkabinen, Bäume, die in der Hitze Schatten spenden, sind nicht zu finden.

Sotiris Alexopoulos ist einer der Helfer, die seit Beginn der Flüchtlingswelle freiwillig helfen. Er hat in der Wirtschaftskrise seinen Job als Versicherungsexperte von Reedereien seinen Job verloren und sich mit anderen Arbeitslosen zusammengetan, um jenen zu helfen, die ärmer dran waren, als er. In dieser Hilfe hat er nun seine Bestimmung gefunden, nun mache er "endlich etwas Sinnvolles. Anstatt den Reichtum eines Reeders zu mehren, kann ich helfen, den Ärmsten der Armen zu helfen." Essensrationen, medizinische Hilfe, Zelte und die Betreuung der am Hafen gestrandeten haben die Freiwilligen organisiert. Doch Alexopoulos lässt auch Frustration über die mangelnde Hilfe der EU-Partner durchklingen. Schließlich sei das griechische Sozialsystem bereits vor dem Flüchtlingssommer im Jahr 2015 kollabiert.