London. (reuters/sig) Die britische Parlamentsabgeordnete Jo Cox ist am Donnerstag in ihrem Wahlkreis nahe der nordenglischen Stadt Leeds ermordet worden. Wie britische Medien berichten, ist die Labour-Politikerin gegen 13 Uhr kurz vor Beginn ihrer Bürgersprechstunde in Birstall attackiert worden. Der Angreifer habe zudem mit einem Messer auf sie eingestochen, ein weiterer Mann sei ebenfalls verletzt worden. Ein Rettungshubschrauber brachte Cox ins Krankenhaus von Leeds, wo sie wenig später ihren schweren Verletzungen erlag.

Wie genau die Tat ablief, dazu gab es vorerst unterschiedliche Versionen. Laut einer Augenzeugin habe der Besitzer einer Textilreinigung versucht, den Angreifer aufzuhalten: "Cox kam mit ihrer Assistentin aus der Bibliothek. Zuerst hat der Mann auf sie eingestochen und dieser Typ hat versucht, ihn aufzuhalten. Dann hat der Mann auf sie geschossen." Ein weiterer Augenzeuge sagte dem britischen "Guardian", der Angreifer sei auf Cox losgegangen und habe dann zwei Schüsse abgegeben. Mindestens einer habe die Politikerin ins Gesicht getroffen, sie sei sofort zu Boden gegangen.

Die Polizei nahm den mutmaßlichen Täter, einen 52-jährigen Mann, kurz darauf in der Nähe des Tatorts fest. Laut "Guardian" rief er "Britain first" ("Großbritannien zuerst"), bevor er auf Cox losging - und dann noch einmal während der Festnahme. "Britain First" ist der Name einer rechtspopulistischen, antiislamischen Partei im Vereinigten Königreich, die sich auch für den EU-Austritt des Landes einsetzt. Das Attentat ereignete sich genau eine Woche vor dem betreffenden Referendum.

Cox hat in den vergangenen Wochen entschieden für den Verbleib ihres Landes in der EU geworben - zuletzt noch am Mittwoch an Bord eines Schlauchboots, mit dem EU-Befürworter eine Flottille von Fischerbooten mit Transparenten der Brexit-Befürworter blockierten.

Beide Lager, sowohl die Brexit-Befürworter als auch jene, die sich für einen Verbleib aussprechen, brachen ihren Wahlkampf bis auf weiteres ab. Dutzende Abgeordnete aller Parteien machten ihrem Schock auf Twitter Luft. David Cameron sagte seine Reise nach Gibraltar ab und zeigte sich betroffen über den Angriff. Die Gedanken seien mit der Familie der Politikerin - Cox war Mutter zweier Kinder. Auch Labour-Chef Jeremy Corbyn zeigte sich "tief geschockt" über den Angriff auf die Unterhausabgeordnete.

"Ein echter Star"

Cox hatte die Elite-Universität Cambridge absolviert und für Hilfsorganisationen, darunter die Bill and Melinda Gates Foundation, gearbeitet, ehe sie erst 2015 Abgeordnete für den Wahlkreis Batley und Spen wurde. "Sie ist einer unserer neuen Stars", sagte damals Labour-Kollege John Mann.

Cox, die sich 2008 bei der Wahlkampagne für US-Präsident Barack Obama engagiert hatte, war bekannt für ihren Kampf für Frauenrechte und die Integration von Flüchtlingen. Die 41-Jährige war Chefin der überparteilichen Gruppe "Friends of Syria" und setzte sich dafür ein, dass Großbritannien 3000 syrische Kinder aufnimmt. Im vergangenen Jahr hatte sie sich für eine militärische Intervention gegen das Assad-Regime ausgesprochen. Cox, die kommenden Mittwoch 42 Jahre alt geworden wäre, galt bei vielen in ihrer Partei als Ministerkandidatin.