London. Feucht glänzt der Hafen in der Morgensonne. Nur 80 Meilen - 130 Kilometer - sind es von hier zum Kontinent. Nicht weit genug, finden viele Bürger der südenglischen Stadt Portsmouth. Immer wieder tauchen Flüchtlinge in Lastwagen auf, die heimlich auf den Fähren von Frankreich übersetzen. Im Vormonat musste ein Migrant, den Zollbeamte in einem Kühlfrachter fanden, in aller Eile ins Krankenhaus befördert werden.

Andere, die alles tun, um England zu erreichen, werden neuerdings in Booten aufgefischt, überall vor den Küsten. Albaner, Afghanen und Iraner schaukeln bei Nacht und Nebel in wenig wasserdichten Kähnen über den Ärmelkanal. "Und es werden", warnt die Küstenwache, "von Woche zu Woche mehr."

Inzwischen sehen Brexit-Befürworter im Geist schon ganze Marschkolonnen von Türken, versehen mit EU-Pässen, in Portsmouth einziehen. In der Stadt, die dem Kontinent als wichtiger kommerzieller Anlaufpunkt dient, hat man die "porösen Grenzen" zu "Europa" gründlich satt.

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Als erste englische Stadt hat Portsmouth darum im März per Ratsbeschluss verkündet, dass es lieber außerhalb als innerhalb der Grenzen der EU liegen wolle. Zum Kuckuck mit dem "schönen Götterfunken" und allem Elysium! Den Beschluss fassten Rechtspopulisten und Konservative im Rat gemeinsam. Sie hielten die Bevölkerung an, beim Referendum am 23. Juni für "Leave", für den Austritt, zu stimmen.

Labour und Liberale nannten den Beschluss "total bescheuert". Aber Tory-Stadtratschefin Donna Jones spricht von knappem Wohnraum, überforderten Krankenhäusern und über tausend fehlenden Grundschulplätzen: "Wir haben keine Kapazität für weiteren Zustrom mehr."

Auch Wehmut um einstige Größe spielt mit, beim Wunsch nach Rückkehr zu einer "besseren Zeit". Portsmouth war über 800 Jahre lang der Hafen, in dem England seine Kriegsschiffe baute. Wohin man hier im musealen Teil der Hafenanlagen schaut, stößt man auf mächtige Galeeren und gloriose Vergangenheit, auf die Vorherrschaft auf dem Meer.

Aber auf was für eine Zukunft kann Portsmouth hoffen? Der Schiffbau ist vor ein paar Jahren eingestellt worden. Arbeitsplätze sind rar. Und nun, grummeln die alten Seebären, wolle die EU sich auch noch die Royal Navy unter den Nagel reißen.

"Wir können nicht länger behaupten, dass unsere Streitkräfte noch dem demokratischen Willen unseres Volkes dienen", klagt bei einem Veteranentreffen vor hundert Gästen Konteradmiral Roger Lane-Nott, Ex-Kommandeur der U-Boot-Flotte. Das Treffen findet in den Gunwharf Quays statt, veranstaltet von den EU-Gegnern, von der Vote-Leave-Campaign. "Immer wieder sagt man uns, es sei die EU, die in Europa für Frieden gesorgt habe. Aber es war nicht die EU. Es war die Nato, die das für uns tat."

Eines wolle er die Versammelten gern mal fragen, meint der Konteradmiral an einem Punkt seiner Ausführungen. Dann deutet er auf zwei Flaggen, die der Royal Navy und die der EU: "Welche dieser beiden wollen Sie gern auf den Schiffen unserer Kriegsmarine sehen?" Empörung im Saal, alle Finger zeigen auf die britische Standarte. Brüsseler Direktiven für die Nachfahren Lord Nelsons? Nicht in Portsmouth. Nicht in den Gunwharf Quays. "Nicht mit uns."

Auch Aberystwyth liegt am Meer. Aber die Stimmung dort ist etwas anders. Einer nationalen Umfrage zufolge ist das Städtchen an der Westküste von Wales der EU-freundlichste Flecken im ganzen Königreich überhaupt.

Fast die Hälfte der Stadt nimmt die örtliche Uni in Beschlag. Und die meisten Studenten betrachten, wie die Bildungselite überall, die EU-Bande als etwas überwiegend Positives. Nicht zuletzt hat die Hochschule ein "Zentrum für Europäische Studien" - und ist stolz darauf, eine kleine "kulturelle Hauptstadt des Westens" zu sein.

Der Unterhaus-Abgeordnete der Region, der Liberaldemokrat Mark Williams, hat denn auch stets den "weltoffenen" Charakter dieses Fleckens in Wales betont, den die Uni dem Städtchen an der Irischen See verleiht. Ebenso hat Williams immer eingeräumt, dass der walisische Westen "finanziell äußerst abhängig ist von der EU".

Zahllose EU-Projekte sind Aberystwyth und seinem Umfeld zugute gekommen. Auch dem Tourismus hier an der Küste hat Hilfe aus Brüssel Auftrieb gegeben. Vor allem aber sind Bauern und Schafzüchter hier auf EU-Gelder angewiesen. 11.000 Pfund im Jahr, erklärt man mir beim Bauernverband von Wales, entfielen im Schnitt auf jeden walisischen Farmer. Außerdem geht fast ein Drittel aller Lamm-Exporte hinüber zum Kontinent.

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Bei der Vorstellung, dass die EU-Subventionen enden könnten, dass plötzlich Handelszölle eingeführt würden hier und Studenten aus der EU keinen freien Zuzug mehr hätten, ist den Leuten in und um Aberystwyth äußerst unwohl zumute. Zumal sie sich von ihrer eigenen Regierung, von der "Zentrale" London, hier an der Peripherie vernachlässigt fühlen. Kein Wunder, dass Aberystwyth sich gegen einen Brexit stemmt.