London. Fast könnte man meinen, dass ein Angriff bevorstünde. Just aufs EU-Referendum hin fühlt sich England von einer neuen Gefahr bedroht. In den einschlägigen Zeitungen sind plötzlich gefährlich anmutende Seekarten zu finden: Dicke rote Pfeile markieren die Routen, auf denen Vorstöße über den Ärmelkanal und die Nordsee zu erwartet sind.

Hier ein Vorstoß von Cherbourg nach Chichester oder Weymouth. Dort einer von Dünkirchen und Zeebrügge nach East Anglia. Sind die Briten auf Invasionspläne finsterer Mächte gestoßen? Nun - Kriegsschiffe vom Kontinent sind es nicht gerade, nach denen man in diesem Juni Ausschau hält an den englischen Stränden.

Ein Schlauchboot mit 18 albanischen Migranten ist vor kurzem im Kanal aufgefischt worden, das unterzugehen drohte. 17 andere "illegal Einreisende" schafften es in einem Katamaran in den Hafen von Chichester, bevor man sie entdeckte. Zwei Grüppchen Iraner mussten gerettet werden, als einmal ein Dinghy und ein anderes Mal ein Schlauchboot in Seenot geriet.

26 Vietnamesen und Albaner wurden außerdem von der holländischen Küstenwache gestoppt, als sie eines Nachts auf Sea Palling, einen kleinen Ort an der ostenglischen Küste, Kurs nahmen. Sie drängten sich auf einer Jacht, die für acht Personen gedacht war. Und am letzten Wochenende nahm die Küstenwache bei Dover zwei Männer fest, die sie des Menschenschmuggels verdächtigt. Zahllose Schwimmwesten fanden sich auf deren Boot.

Kommen Terroristen?

Für all die Grenzschutz-Experten, die schon ein Weilchen gewarnt haben vor "unseren unbewachten Küsten", sind diese Vorfälle ein klares Zeichen dafür, dass da etwas Ungutes im Anzug ist. Ausgerechnet zu einer Zeit, da Leute wie der Ukip-Vorsitzende Nigel Farage halb Asien auf dem Weg ins Königreich sehen, schippern immer mehr Flüchtlinge auf Englands Ufer zu. "Niemand weiß, wohin das noch führt", hat schon John Vine gewarnt, der bis vor kurzem Chef-Inspekteur der Grenzpolizei Britanniens war. Sollte es "der Anfang einer neuen Entwicklung" sein, müsse man schleunigst "mehr Ressourcen zur Verfügung stellen", um dieser Entwicklung zu wehren.

Das findet auch Lord West, ein früherer Befehlshaber der Kriegsmarine. Lord West vermutet, den "cleveren Menschenschmugglern" könnten in Kürze Terroristen folgen: "Die wissen natürlich auch von diesen Routen. Wir müssen dringend was tun."