Madrid. Die Spanier sind zum zweiten Mal in einem halben Jahr zur Wahl eines Parlaments aufgerufen. Der Grund: Nach der Abstimmung vom Dezember hatten die Parteien bei der Regierungsbildung versagt. Die Chancen, dass die Hängepartie bald ein Ende haben wird, stehen nicht gut.

Pablo Iglesias gehört nicht zu den beliebtesten Politikern in Spanien. Dennoch rechnet der Chef der Linkspartei Podemos (Wir können) sich Chancen aus, nach der vorgezogenen Parlamentswahl an diesem Sonntag neuer Ministerpräsident zu werden. Der 37-jährige Politologe mit dem zusammengebundenen Pferdeschwanz kann darauf hoffen, dass seine Partei deutlich an Sitzen hinzugewinnt. Dabei scheint sie in der Wählergunst nicht einmal zugelegt zu haben.

Podemos profitiert davon, dass die Partei ein Wahlbündnis mit der Vereinten Linken (IU) einging. Hunderttausende Wählerstimmen für IU, die wegen des Wahlrechts bisher nicht zur Geltung kamen, bringen der Allianz mehr Sitze im Parlament ein. In einer Koalition mit den Sozialisten (PSOE), so hofft Iglesias, könnte es vielleicht zu einer Mehrheit reichen.

Die Neuwahl war notwendig geworden, weil Spaniens Parteiführer sich nach der Parlamentswahl vom 20. Dezember 2015 auf keine Regierungskoalition einigen konnten. Seither ist die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Eurozone ohne eine gewählte Regierung.

Alles deutet jedoch darauf hin, dass die Regierungsbildung nach dem 26. Juni nicht leichter wird. Im Gegenteil: "Das Szenario der Unregierbarkeit wird erneut aufkommen und für Spanien zu einem Albtraum werden", befürchtet die Zeitung "El Mundo". Es ist auch nicht abzusehen, ob die Entscheidung der Briten für einen Brexit den Ausgang der Wahl irgendwie beeinflussen wird.

Nur eines scheint festzustehen: Keine Partei wird nach Umfragen eine ausreichende Mehrheit bekommen, um allein regieren zu können. Die Volkspartei (PP) von Ministerpräsident Mariano Rajoy dürfte erneut die meisten Sitze gewinnen, aber keine andere Partei macht Anstalten, dem konservativen Regierungschef zu einer ausreichenden Mehrheit zu verhelfen.

"Spanien gäbe in aller Welt eine Lachnummer ab, wenn ein drittes Mal gewählt werden müsste", warnte Rajoy. Völlig ausgeschlossen ist eine erneute Wahl aber nicht. Jedenfalls ist dies ein Thema, über das in Spanien debattiert wird. Rajoy hatte darauf gesetzt, dass die gute Wirtschaftslage des Landes mit einer Wachstumsrate von über drei Prozent seiner Partei zu Stimmgewinnen verhelfen würde. Dies könnte sich jedoch als eine Fehlkalkulation erweisen.

Für die Neuwahl zeichnet sich eine ähnliche Konstellation ab wie bei der Wahl vor einem halben Jahr. Das Mitte-Rechts-Lager von Konservativen und liberalen Ciudadanos (Bürger) dürfte etwa ebenso stark werden wie die Linke von Podemos und PSOE. Aber damit nicht genug: Beide Lager sind in sich zerstritten. Die Liberalen verweigern Rajoy ihre Unterstützung, und den Sozialisten widerstrebt eine Koalition mit Podemos.

"In jedem anderen europäischen Land hätte es eine Große Koalition von Konservativen und Sozialisten gegeben", beklagte sich Rajoy. Die PSOE will davon jedoch nichts wissen und hält dem Ministerpräsidenten entgegen, dass in einem anderen Land der Regierungschef, dessen Partei von so vielen Korruptionsskandalen erschüttert wurde wie die PP, längst zurückgetreten wäre.

Spaniens Sozialisten befinden sich seit 2010 im freien Fall. Ihr Parteichef Pedro Sanchez konnte den Abwärtstrend nicht stoppen und ist in der eigenen Partei umstritten. Die PSOE befürchtet, bei einem Bündnis mit den Konservativen ähnlich wie die PASOK in Griechenland in der Versenkung zu verschwinden.

In der spanischen Bevölkerung hält sich die Begeisterung vor der Neuwahl in Grenzen. Zu den Kundgebungen der Parteien kamen wenig Leute, weil die Wähler die Argumente aus dem vorigen Wahlkampf bereits kannten und sich ein gewisser Überdruss breitgemacht hatte. Die Parteien reduzierten daher drastisch die Zahl ihrer Großkundgebungen. Die Wahlbeteiligung dürfte im Vergleich zum Dezember zurückgehen. Damals hatten mehr als 73 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt.