"Wir sind draußen" - Die Nachricht ging wie eine Schockwelle durch London. - © Leon Neal
"Wir sind draußen" - Die Nachricht ging wie eine Schockwelle durch London. - © Leon Neal

London. Die "I’m In"-Sticker, mit denen die EU-Befürworter ganz London zugepflastert haben, wirken am Tag danach deplatziert: Die Briten haben den Weg aus der Europäischen Union angetreten, Premier David Cameron hat seinen Rücktritt für Oktober angekündigt. Die Nation ist nach der "In"- und "Out"-Kampagne tief gespalten, überall macht man sich Gedanken, wie die Pro-Europäer in das neue Vereinigte Königreich, das abseits stehen will, integriert werden sollen. "Lasst uns jetzt nach vorne blicken", appelliert eine Britin, die für den Brexit gestimmt hat, in der BBC. Ein anderer Austritt-Befürworter ruft die nationalen und internationalen Medien auf, jetzt nicht von einer "Katastrophe" zu sprechen und zu einer Beruhigung der Lage beizutragen. Ein Kaffee-Verkäufer vor der U-Bahn-Station Kings Cross kann mit den Beschwichtigungen dagegen wenig anfangen. "Es ist eine Schande", ereifert er sich gegenüber der "Wiener Zeitung", "es wird jetzt verdammt eng in Großbritannien."

"Das Leben ist
zu schön für Politik"


Er will, dass Labour-Chef Jeremy Corbyn das Ruder übernimmt, auch wenn der neue Rising Star der britischen Politszene an dem Debakel mitschuld ist. Denn Corbyn ist euroskeptisch, viel zu
spät hat er begonnen, die Werbetrommel für den Verbleib in der EU zu rühren. Ein Security-Mann, der das Geschehen vor der U-Bahn-Station streng überwacht, meint, dass der konservative Londoner Ex-Bürgermeister Boris Johnson, überall nur "Boris" genannt, der "logische" Cameron-Nachfolger wäre. Ein Ehepaar, das im Sonnenschein vor Station sitzt, "mag Boris". Ein anderer reisender Brite, der mit seiner Frau in China lebt, bedauert das Wahlergebnis: "Das United Kingdom sollte in der EU bleiben." Warum? "Better the devil you know" ("besser ein Übel, das man schon kennt"), warnt er vor den ungewissen Gewässern, in die das Kingdom nun segelt. Mit einem neuen Kapitän, den noch keiner kennt.

Nach der Entscheidung ist vielen Londonern die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Auf den Straßen Londons herrscht die übliche Morgenhektik. Manche haben noch gar nicht realisiert, was in der Nacht passiert ist. Eine junge Frau läuft in einem Hostel zu einem Fernseher, schlägt die Hände vors Gesicht, entfernt sich, nur um ungläubig wieder zu kommen. Andere versuchen zu trösten: "Das Leben ist zu kurz und viel zu schön für Politik", sagt einer. "Drinnen oder draußen, ich weiß nicht, wie mich das persönlich trifft", meint er.