Istanbul. Der Istanbuler Atatürk-Flughafen hat sich nach dem schweren Terroranschlag in eine Festung verwandelt. Nicht nur vor dem Gebäude, auch in den Sicherheitsschleusen und den weiträumigen Duty-Free-Bereichen patrouillieren Spezialpolizisten, zum Teil mit Maschinenpistolen. In der Ankunftshalle seien Panzerglasscheiben gesprungen und Deckenteile abgesprengt worden. Die Behörden hätten erstaunlich schnell aufgeräumt und saubergemacht, sagen Reisende, mit denen die "Wiener Zeitung" am Telefon sprechen konnte. Man spüre aber die "enorme Anspannung und Angst" des Personals an den Sicherheitsschleusen.

Auf deren Kollegen hatten die Terroristen am Dienstagabend kurz nach 22 Uhr zuerst das Feuer eröffnet. Drei Selbstmordattentäter versuchten laut türkischen Behörden, an der ersten Sicherheitsschleuse vorbei in das Ankunftsterminal für internationale Flüge zu gelangen. Sie schossen mit Maschinenpistolen und sprengten sich, als Polizisten das Feuer erwiderten, in die Luft. Zum Flughafen gekommen seien die Angreifer mit Taxis.

Der Gouverneur von Istanbul bezifferte die Zahl der Toten am Mittwoch mit 41, darunter 13 Ausländer aus dem Nahen Osten und Mittelasien. Mindestens 239 Menschen seien teils schwer verletzt in Spitäler gebracht worden.

Wie inzwischen in der Türkei üblich, verhängte ein Gericht unmittelbar nach der Bluttat eine umfassende Nachrichtensperre. Zudem wurden die sozialen Medien Twitter und Facebook behindert. Auf diesen Plattformen wurden trotz des Verbots viele Informationen, Fotos und Videos vom Tatort verbreitet.

Mit dem Atatürk-Flughafen haben die Attentäter in einer offenbar sorgfältig koordinierten Aktion das Tor der Türkei zu Welt attackiert. Der Airport ist der drittgrößte Europas und fertigt pro Jahr mehr als 60 Millionen Passagiere ab. Wie alle türkischen Flughäfen hat er wegen der Anschlagsgefahr durch die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK seit vielen Jahren Sicherheitsschleusen an den Ein- und Ausgängen. Deshalb ist es unter normalen Umständen fast ausgeschlossen, dass bewaffnete Personen in die Abflug- oder Ankunftshallen eindringen. Laut den Sicherheitskräften sei dies auch den Attentätern nicht gelungen.

Angreifer drangen trotz Kontrollen in die Halle ein

Augenzeugenberichte deuten dagegen darauf hin, dass einer oder mehrere Angreifer auch in den Innenbereich des Terminals gelangten. "Die Angreifer sind offensichtlich in die Ankunftshalle eingedrungen, sie wollten die sicherheitstechnisch schwächste Stelle des Flughafens attackieren", bestätigte eine deutsche Reisende. Sie berichtete, dass das Panzerglas der Sicherheitsschleusen zwar dem Beschuss standgehalten habe, aber in der Halle selbst die automatische Tür zum Bereich mit den Gepäckbändern aufgesprengt sei.

Dort hätten Antiterror-Polizisten jetzt eine Absperrkette gebildet, und Arbeiter seien mit dem Wiederaufbau beschäftigt. An dieser Tür sitzen normalerweise nur zwei unbewaffnete Zollbeamte. Wären die Angreifer in die Gepäckbänderhalle gelangt, hätte es vermutlich noch viel mehr Opfer gegeben.

Ministerpräsident Binali Yildirim schloss derweil Sicherheitsmängel kategorisch aus. "Weder im Abflug- noch im Ankunftsbereich am Flughafen kann von einer Sicherheitslücke die Rede sein", meinte er.

Direkt nach dem Anschlag wurden der Ankunfts- und der Abflugbereich des größten Flughafens der Türkei vollständig gesperrt. Zunächst bekannte sich niemand zu der Tat. Erste Hinweise deuteten laut Regierung auf den "Islamischen Staat" (IS) als Urheber hin. Der Zeitpunkt am späten Abend könnte darauf hinweisen, dass die Attentäter im laufenden Fastenmonat Ramadan noch das abendliche Fastenbrechen vollzogen, bevor sie zum Flughafen aufbrachen. Anders als die kurdische Terrorgruppe und PKK-Abspaltung "Freiheitsfalken Kurdistans" (TAK) hat sich der IS bisher jedoch zu keinem der ihm zur Last gelegten schweren Attentate der letzten zwölf Monate bekannt, die sich vorwiegend gegen westliche Touristen, Linke und Kurden richteten.

Überraschend kommt der Angriff allerdings nicht. Sowohl IS als auch TAK hatten neue Anschläge in der Türkei angekündigt und dabei auch explizit touristische Ziele genannt. In den sozialen Netzwerken machten viele Nutzer Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Syrien-Politik für den Anschlag verantwortlich, weil er den IS indirekt unterstützt habe, indem er den Islamisten erlaubte, die Türkei als Rückzugsgebiet zu nutzen. Erst am Montag hatte die größte Oppositionspartei CHP im türkischen Parlament eine schriftliche Anfrage zu 150 ausländischen IS-Kämpfern gestellt, die in den vergangenen Monaten aus Syrien in die Türkei gekommen seien und gegen die nichts unternommen werde. "Das erzeugt Angst und Zweifel", so die Abgeordnete Senal Sarihan.

Am Mittwoch wurde zudem bekannt, dass der türkische Geheimdienst MIT vor 20 Tagen die Regierung vor einem Terrorangriff des IS auf Istanbul warnte und eine Liste von Anschlagszielen aufführte, darunter den Atatürk-Flughafen. Das sagte die Journalistin Hande Firat von der Dogan-Mediengruppe. Die Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen wurden dennoch nicht auffällig erhöht.