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Edinburgh. Die Halbmillionenstadt Edinburgh ist einer der wenigen Orte, die alteingesessen und kosmopolitisch zugleich sind. Hier vermischen sich nationaler Stolz und Tradition mit weltoffenem Denken. So fügt sich die international renommierte Universität reibungslos an die historische Altstadt. Schon in der schottischen Aufklärung im 18. Jahrhundert prägten herausragende Künstler, Forscher und Literaten die Kultur und Wissenschaft in Europa. Auch der heutige Status als Unesco-Weltliteraturstadt rückt Edinburgh weitaus näher an Berlin und Paris, als es die Landkarte vorgeben mag. Nur der Bezug zu England und der britischen Regierung in Westminster war trotz geografischer Nähe schon immer brisant. Das war auch zu Zeiten der Aufklärung nicht anders, als Schottland 1707 seine Unabhängigkeit an das Vereinigte Königreich verlor.

Der Geist der Unabhängigkeit brodelt seit jeher unter der Oberfläche, und nun hat der drohende EU-Ausstieg Großbritanniens die Option Unabhängigkeit wiederbelebt, ja sogar zur politischen Existenzfrage gemacht. Dabei hatte er sich nach der Volksabstimmung vor zwei Jahren, in der eine knappe Mehrheit gegen die schottische Unabhängigkeit stimmte, schon zur Ruhe gesetzt. Nun verzeichnen Meinungsumfragen in Schottland eine klare Tendenz für Unabhängigkeit, doch diesmal geht es um die EU.

Eine Frage der Solidarität

"Jeder Wahlkreis Schottlands hat mehrheitlich gegen den EU-Austritt gestimmt. Keine Bevölkerung soll gegen ihren Willen zum Austritt gezwungen werden", sagt der 62-jährige Sean am Weg zur Kundgebung vor dem Schottischen Parlament. Der gebürtige Ire lebt seit 40 Jahren in Edinburgh. Das Referendum letzte Woche habe ihn schockiert. Nach einer Kundgebung sei er mit Freunden "in dieses Pub" gegangen, sagt er, und zeigt auf das Lokal in der Altstadt. "Wir haben viel getrunken, aber nicht genug, um das zu vergessen." Die schottischen Wähler stimmten mit 62 gegen 38 Prozent für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union. Sean erklärt, warum es insgesamt trotzdem zur knappen Mehrheit für den Ausstieg gekommen ist: "Brexit ist zur Metapher für den Kampf gegen das Etablishment mutiert. Jene, die unter der Sparpolitik der konservativen Regierung in London leiden, haben in diesem Fall die EU als Etablishments identifiziert."

Ähnliches sagte der im schottischen Glasgow geborene ehemalige Premierminister und Ex-Labour-Vorsitzende Gordon Brown kurz davor in seiner Rede in Edinburgh: Das Referendum sei ein Protestschrei über das tägliche Leben im post-industriellen Großbritannien gewesen und kein sachlicher Entscheid über die EU. "Die Menschen hatten das Gefühl, dass die Wirtschaft nicht mehr für sie, sondern für die Eliten arbeite." Brown hatte sich zwar für den Verbleib in der EU eingesetzt, ist aber gegen eine schottische Unabhängigkeit von Westminster im Tausch für EU-Mitgliedschaft. "Ich glaube an gemeinsame Solidarität. Aber diese Solidarität soll nicht erst am Ärmelkanal beginnen, sondern an der Tweed", dem schottisch-englischen Grenzfluss. Mithilfe von Wirtschaftsdaten suchte Brown zu überzeugen, dass Schottlands Exporte nach England, Wales und Nordirland jene in die EU übertreffen; dass "alle Fakten und Optionen abgewogen werden müssen".

Zwischen Brüssel und London

Die Stimmung in den Straßen von Edinburgh begegnete diesem technokratischen Denken vor allem mit reichlich Symbolkraft. Viele der Demonstranten in Edinburgh sind in eine EU-Fahne gewickelt. Auch Seans 27-jährige Tochter Bridget, die in Edinburgh studiert, ist gekommen. Wie hat sie den EU-Ausstieg verdaut? Mit einem ernsten Blick sagt sie nur: "Ich versuche es immer noch hinunterzuwürgen." Bridget und ihre Jugendfreundin Alice sprechen am Weg zur Demo über den Salonfähigen Rassismus, der nun auf den Wellen des Brexit sichtbarer werde. Daran seien auch britische Politiker und Medien schuld, die das Thema Einwanderung mit der EU gleichsetzen. Alice ist zwar in Edinburgh aufgewachsen, lebt aber seit Jahren in London und pendelt wöchentlich die viereinhalb Zugstunden. Für sie ist die aktuelle Debatte auch ein Dilemma: Kann Schottland Teil der EU bleiben, ohne Großbritannien zu verlassen? "Diese Widersprüche plagen mich", sagt Alice.

Die Kernbotschaft der Demonstration vor dem Parlament kannte hingegen keine Widersprüche: Schottland soll Teil der EU bleiben und EU-Bürger Teil Schottlands. "Egal, aus welchem Land ihr seid, solange ihr mit dem Regenwetter klarkommt, seid ihr hier willkommen", rief einer der jungen Veranstalter in das Megafon und erntete lauten Beifall. Auf Schildern und Transparenten haben viele die schottische mit der europäischen Flagge kombiniert, inklusive EU-Herz in der Mitte. Mit dem felsigen "Arthurs Sitz" im Hintergrund und einer hoch gehissten schottischen Flagge fand der Protest durchaus seinen Braveheart-Moment, während ein Dudelsack die Stimmung weiter einheizte. Die Feindbilder machte man ebenfalls deutlich. Ein Demonstrant rief etwa aus den hinteren Reihen in Reaktion auf eine kaum hörbare Rednerin: "Stell dir vor, dass Boris Johnson vor dir steht und du ihn anschreist!"

Neben dem früheren Londoner Bürgermeister, der doch nicht Premierminister werden will, machte man sich auch über den Rechtspopulisten Nigel Farage lustig. "Fromage statt Farage" war einer der humorvolleren Schlachtrufe. In Schottland wie anderswo "gibt es Jahrzehnte, in denen nichts passiert", sagte Gordon Brown in seiner Rede mit Verweis auf Lenin, "und es gibt Wochen, in denen Jahrzehnte passieren". Nur was genau passieren wird, scheint dieser Tage auch in Schottland noch niemand zu wissen.