Großbritanniens prominentester Bürgerrechts-Anwalt Geoffrey Robertson geht in der Debatte sogar einen Schritt weiter: Die britische Demokratie erlaube gar keine Beschlussfassung per Referendum, sagt Robertson. Diese Kompetenz habe nur das Parlament. Und wenn man dem jüngsten Referendum schon ratgebenden Charakter zusprechen wolle, dann habe das Resultat ja wohl kaum einen klaren "Volkswillen" zum EU-Austritt zum Ausdruck gebracht, sondern nur offenbart, dass das Land in der EU-Frage zutiefst gespalten sei.

So freimütig wagt von den Westminster-Politikern - bis jetzt - außer Lammy keiner zu argumentieren. Denn das EU-Referendum hat, im Trubel dieser Tage, ein politisches Eigenleben angenommen. Geradezu betäubt von diesem "historischen Ereignis" sitzen etwa 480 pro-europäische und 120 anti-europäische Abgeordnete derzeit auf ihren Bänken im Unterhaus. Im Oberhaus sollen auf einen EU-Gegner sogar sechs Pro-EU-Lords und -Ladies kommen.

Sobald das Parlament aber aus seiner gegenwärtigen Lähmung erwacht, könnte die Schlacht um den Austritt noch spannend werden: Möglicherweise ist schon die Kündigung der EU-Mitgliedschaft durch die Regierung, also die Inanspruchnahme des notorischen Paragrafen 50, an einen Parlamentsentscheid gekoppelt.

Das Parlament muss jedenfalls, um seine Zustimmung zur Abkoppelung von der EU zu geben, das Gesetz zur Europäischen Gemeinschaft von 1972 aufheben, mit dem Großbritannien sich seinerzeit der EWG anschloss. Theoretisch bietet sich hier ein erstes parlamentarisches Veto an.

Sodann müssen all die ins britische Recht übernommenen EU-Gesetze und Direktiven, die man wieder tilgen will, Stück für Stück aus dem britischen Rechtskodex entfernt werden. Hier prophezeien die Experten eine jahrelang Grabenschlacht, wie man sie zuletzt beim zähen Kampf um den Lissabonner Vertrag, zur Zeit John Majors, erlebt hat.

Im Vergleich zu Lissabon würde der EU-Austritt freilich eine parlamentarische und administrative Arbeit von ungeheurem Umfang und mit vielerlei Fallstricken erforderlich machen. Und bei der Vorbereitung eines Austrittsvertrags mit der EU könnte das Parlament Bedingungen stellen, wie zum Beispiel Zugehörigkeit zum EU-Binnenmarkt oder die Wahrung der Union mit Schottland, die keineswegs gesichert ist. "Unzählige Gelegenheiten zum Filibustern und Verzögern bieten sich da an", meint Patrick Wintour, Experte für internationale Fragen des Londoner "Guardian". Schließlich muss auch der Austrittsvertrag selbst vom Parlament genehmigt werden.

Neuwahlen als Lösung

Die "sauberste" Lösung für all jene, die immer noch auf einen Verbleib in der EU hoffen, wären freilich Neuwahlen. Liberaldemokraten und schottische Nationalisten haben bereits signalisiert, dass sie eine Umkehrung des Brexit-Beschlusses in ihre Wahlprogramme aufnehmen wollen. Die Grünen haben darüber hinaus eine "Pro-EU-Allianz" zum Sieg über die konservativen Tories und die rechtspopulistische Ukip bei solchen Neuwahlen vorgeschlagen. Vor allem aber würde die Labour Party eine solche Initiative brauchen, die zurzeit auf fatale Weise mit sich selbst beschäftigt ist. Würde sie mit einem klaren Wir-bleiben-in-der-EU-Programm den Urnengang gewinnen, hätte sie ein frisches politisches Mandat, mit dem der Referendumsbeschluss dieses Sommers neutralisiert wäre.