Gove will als Vollzieher des Brexit Geschichte machen. - © reu/Nicholls
Gove will als Vollzieher des Brexit Geschichte machen. - © reu/Nicholls

London. (pn) Nach Theresa May, der Favoritin für die Nachfolge David Camerons, hat am Freitag auch ihr Hauptkontrahent Michael Gove versichert, es werde keine formelle Aufkündigung der britischen EU-Mitgliedschaft vor 2017 geben. Beide Kandidaten fürs Premiersamt, das im September neu besetzt sein soll, wollen in Ruhe eine britische Verhandlungsstrategie ausarbeiten, bevor sie das Austrittsgesuch stellen.

Zur Austritts-Frage selbst erklärte Justizminister Gove, bei ihm sei der Bruch mit der EU in sicheren Händen. "Hardliner" Gove sieht keine Notwendigkeit für einen Verbleib Großbritanniens im EU-Binnenmarkt. "Bei mir wird es keine Freizügigkeit mehr geben", versprach er. "Ich werde ein Punktesystem nach australischem Vorbild einführen und die Zuwanderung reduzieren."

Innenministerin May, die für den Verbleib in der EU eingetreten war, hatte schon am Donnerstag beteuert, das Votum total zu akzeptieren. "Brexit bedeutet Brexit", sagte sie. Sie plant als Regierungschefin ein eigenes Ministerium, das den Austritt bewerkstelligen soll.

Vorgezogene Parlamentswahlen schlossen Gove und May hingegen aus - obwohl 60 Prozent der Briten solche angesichts derart schwerwiegenden Entscheidungen und der neuen Wirtschaftslage für erforderlich halten, wie eine Umfrage des Opinium-Instituts zeigt. Die nächsten regulären Unterhaus-Wahlen sind erst für 2020 vorgesehen.

Geplanter Abbau des Budgetdefizits wird gekippt


Schatzkanzler George Osborne, ein Brexit-Gegner, warnte am Freitag vor "klaren Zeichen eines wirtschaftlichen Schocks" infolge der Austritts-Entscheidung vom vorigen Donnerstag. Sein Plan für ein ausgeglichenes Budget und ein erstes Haushalts-Plus im Jahr 2020 sei nun nicht mehr "realistisch", meinte er.

Osborne drängt zur Eile. Man müsse jetzt dringend "Ungewissheiten beseitigen, indem wir uns so schnell wie möglich auf eine neue Beziehung zu Europa hin bewegen". Der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, hatte zuvor schon erklärt, der Brexit-Beschluss werde "wahrscheinlich zu einem erheblichen negativen Schock für die britische Wirtschaft führen".

Der Opinium-Umfrage vom Freitag zufolge empfindet schon jetzt die Mehrheit der Briten, dass sich wirtschaftliche Probleme zusammenbrauen. Sieben Prozent derer, die für den Brexit stimmten, bereuen bereits ihre Entscheidung. 37 Prozent der Wähler nennen als wichtigstes Ziel für die Austritts-Verhandlungen mit der EU die weitere Zugehörigkeit zum Binnenmarkt der EU, 33 Prozent der Wähler sehen die Einwanderungskontrolle prioritär.