London. (pn/wak) "Es war eine sehr lange Reise", nicht immer einfach, "aber es hat meistens sehr viel Spaß gemacht", beginnt Nigel Farage, Initiator des Brexit-Referendums, seine Abschiedsrede. Der umstrittene Politiker gab am Montag überraschend bekannt, dass er sich aus der Politik verabschieden wird. Er, Farage, wollte nie ein Karrierepolitiker sein: "Mein Ziel in der Politik war, Großbritannien aus der EU zu bringen. Dafür haben wir vor zwei Wochen gestimmt. Und deswegen fühle ich jetzt, dass ich meinen Teil getan habe. Dass ich unmöglich mehr erreichen kann. Und deswegen fühle ich, dass es richtig wäre, wenn ich als Führer von Ukip zurücktrete."

Noch ist nicht bekannt, wer der neue Vorsitzende sein wird, auch Farages Partei Ukip dürfte von seiner Entscheidung überrascht worden zu sein. "Während der Referendums-Kampagne habe ich gesagt, ich will mein Land zurück. Was ich heute sage, ist: Ich will mein Leben zurück. Und das beginnt genau jetzt. Danke", sprach Farage und ging.

Ukip ist nach Farages Rücktritt die dritte britische Partei, die sich in der Folge des EU-Referendums nach einer neuen Führung umsieht. Bei den Konservativen ist ein bitterer Kampf um die Nachfolge David Camerons ausgebrochen, während bei der Labour Partei mehr als drei Viertel aller Unterhaus-Abgeordneten dem Parteichef Jeremy Corbyn das Misstrauen ausgesprochen haben.

In der Brexit-Schlacht selbst spielte Farage eine zentrale Rolle. Tatsächlich wäre es zum Brexit ohne ihn wohl nie gekommen. Er war es, der die Idee mit dem Referendum hatte und jahrelang Druck auf die Konservativen ausübte. Zunehmende Wahlerfolge seiner Partei brachten die Tories in Bedrängnis und veranlassten Premierminister David Cameron, das Referendum auszuschreiben.

Auf der Insel will Farage nun nicht den Scherbenhaufen aufräumen. Aber er werde seinen Sitz im Europa-Parlament beibehalten, bis Großbritannien die EU endgültig verlassen habe. Er werde seinerseits den Regierenden in London bei der Umsetzung des Brexit "auf die Finger schauen", um "alle Nachgiebigkeit auszuschließen".

Der dritte Rücktritt

Farage war bereits eine bekannte Ukip-Stimme im Europäischen Parlament, als er im Jahr 2006 zum Vorsitzenden gewählt wurde. Er trat 2009 ab, um 2010 wieder zu kommen. Auch nach den Unterhaus-Wahlen vor einem Jahr trat er zurück, stand aber wenige Tage wieder frisch auf der Matte, um den Rücktritt für ungültig zu erklären. Diesmal sei es endgültig. Oder?

Nicht jeder politische Beobachter glaubt, dass Farage sich ganz zurückziehen wird. Farage selbst erklärte, er habe natürlich "immer noch etwas zu geben". Vermutungen sprechen davon, dass er zusammen mit dem Parteispenden-Milliardär Aaron Banks eine neue Partei oder Bewegung gründen könnte.

Andere glauben, dass er sich einer neuen konservativen Regierung anschließen und bei den Austritts-Verhandlungen mit der EU eine Rolle spielen würde. Für den Fall von Neuwahlen im Herbst hat er bereits gefordert, dass Ukip-Kandidaten nicht gegen Brexit-Befürworter der Tories antreten sollten. Farage selbst war vor 1992 Mitglied der Konservativen gewesen, nach Unterzeichnung des Maastrichter Vertrags aber ausgeschieden, um bei der Ukip-Gründung zu helfen.

Punkten durchs Schimpfen

In seiner Zeit als Ukip-Politiker war Farage stets der prominenteste Kopf seiner Partei gewesen, der sich gern mit Zigarette und Bierglas in der Hand ablichten ließ und der sich immer volkstümlich auszudrücken wusste. Er machte von sich reden, als er 2010 im Europa-Parlament dem EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy bescheinigte, "den Charme eines Putzlumpens und das Aussehen eines unbedeutenden Bankangestellten" zu haben.

In Sachen Einwanderung machte Farage Front gegen Immigranten, "die hierher kommen, um alles zu übernehmen". Islamisten, meine er, verfügten im Vereinigten Königreich über "eine fünfte Kolonne". Einmal sagte er, es wäre ihm "nicht wohl zumute", wenn eine Gruppe Rumänen "im Haus nebenan" einzögen.

Und in der Referendums-Kampagne warnte er davor, dass ein britischer Verbleib in der EU den Briten irgendwann "Kölner Zustände" bescheren würde. Besonders umstritten war ein von ihm gebilligtes Ukip-Plakat, das einen Strom syrischer Flüchtlinge auf dem Weg durch Europa zeigte und auf dem es hieß, Britannien habe seine "Belastungsgrenze erreicht".

Kanzlei ficht an

Während Nigel Farage endlich wieder Zeit für sich hat, versuchen viele Briten ihr Möglichstes, um das Austrittsgesuch zu verhindern. Die britische Kanzlei Mishcon de Reya (deren Slogan "It’s business. But it’s personal" wie die Faust aufs Auge dazu passt) ficht mögliche Pläne der britischen Regierung an, ohne Befassung des Parlaments den Prozess zum Austritt aus der EU zu starten. Die Juristen der Kanzlei Mishcon de Reya argumentierten in einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung, die Regierung könne nicht Artikel 50 der EU-Verfassung aktivieren, ohne dass das Parlament zuvor darüber debattiert und abstimmt.

"Das Ergebnis des Referendums steht nicht infrage, aber wir brauchen ein Verfahren, das britischem Recht entspricht, um es umzusetzen", erklärte Anwalt Kasra Nouroozi. Das Ergebnis des Referendums sei rechtlich nicht bindend und es wäre "ungesetzlich für den derzeitigen oder einen künftigen Premierminister, es umzusetzen".

Da derzeit eine Mehrheit der britischen Abgeordneten für einen Verbleib in der EU ist, könnte der Vorstoß der Juristen das Verfahren zum EU-Austritt erschweren. Die Kanzlei erklärte, eine "Gruppe von Mandanten" stehe hinter dem Einspruch. Laut dem Magazin "The Lawyer" handelt es sich dabei um Unternehmen.

Die Briten hatten am 23. Juni mit knapper Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Premierminister David Cameron kündigte daraufhin seinen Rücktritt bis Oktober an. Erst sein Nachfolger soll dann den EU-Austritt in die Wege leiten. Sobald Artikel 50 aktiviert ist, hat Großbritannien zwei Jahre Zeit, mit der EU die Trennungsmodalitäten auszuhandeln.