London. Die britische Untersuchungskommission zum Irak-Krieg hat die Entscheidung der damaligen Regierung unter Premierminister Tony Blair zur Beteiligung an der US-geführten Invasion 2003 am Mittwoch als voreilig bewertet. Die politische Entscheidung sei gefallen, bevor alle "friedlichen Optionen für eine Entwaffnung" des Irak unter Machthaber Saddam Hussein ausgeschöpft worden seien.

Blair habe sich auf falsche Geheimdienstinformationen verlassen. Zudem seien die Pläne für die Nachkriegszeit "völlig unzureichend" gewesen, kritisierte der Kommissionsvorsitzende John Chilcot bei der Vorstellung des Berichts in London. "Ein Militäreinsatz war damals nicht das letztmögliche Mittel", sagte der ehemalige Diplomat, nach dem auch die Kommission benannt ist. Dennoch habe Blair dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush Gefolgschaft versprochen, "was auch geschehen möge". Für die Nachkriegsphase gelte: "Trotz ausdrücklicher Warnungen wurden die Folgen der Invasion unterschätzt. Die Planungen und Vorbereitungen für einen Irak nach Saddam waren völlig unzureichend."

Blair sieht sich durch Bericht entlastet

Blair sieht sich durch einen Untersuchungsbericht zum Irak-Krieg entlastet. "Dieser Bericht sollte Vorwürfe der Böswilligkeit, Lügen oder Täuschung endgültig ausräumen", schrieb der frühere Labour-Politiker am Mittwoch.

Er habe die Entscheidung, an der Seite der USA militärisch gegen den irakischen Machthaber Saddam Hussein vorzugehen, "in gutem Glauben" getroffen und für das Beste für sein Land gehalten, so Blair in der von seinem Büro veröffentlichten Reaktion.

In dem ausführlichen Bericht heißt es, Blair habe sich 2003 auf fehlerhafte Geheimdienst-Informationen verlassen und diese nicht in Frage gestellt. Zudem seien nicht alle Möglichkeiten einer friedlichen Lösung erschöpft gewesen.

"Ich werde für alle Fehler die volle Verantwortung übernehmen, ausnahmslos und ohne Ausrede", schrieb Blair. Dem Bericht zufolge hatte er bereits 2002 dem damaligen US-Präsident George W. Bush Unterstützung unter allen Umständen zugesichert.

Invasion heftig umstritten

Die Invasion in den Irak 2003 war heftig umstritten, weil sie nicht durch ein klares UNO-Sicherheitsratsmandat gedeckt war. Angebliche Massenvernichtungswaffen des damaligen irakischen Machthabers Saddam Hussein wurden nie gefunden. Diese Geheimdienstinformationen hätten in Frage gestellt werden müssen, betonte Chilcot. Blair habe sie als beweiskräftiger dargestellt, als gerechtfertigt gewesen sei. Bereits 2004 kam ein britischer Bericht zu dem Schluss, dass Blair die "Beweise" der Geheimdienste für angebliche Massenvernichtungswaffen im Parlament aufbauschte.

Bis zu 46.000 britische Soldaten waren in Spitzenzeiten während des jahrelangen Konflikts und danach im Irak im Einsatz. Während des Krieges und der anschließenden konfessionell motivierten Gewalt wurden Zehntausende Iraker getötet; auch 179 britische Soldaten starben im Einsatz.

Irak leidet bis heute unter Terror

Bis heute wird der Irak von Gewalt erschüttert. Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) konnte seit dem Sommer 2014 weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle bringen. Zwar wurde sie zuletzt militärisch stark zurückgedrängt, mit Anschlägen - auch in Europa - verbreitet sie dennoch weiterhin Angst und Schrecken. Erst in der Nacht auf Sonntag waren bei einem Selbstmordanschlag in der irakischen Hauptstadt rund 250 Menschen getötet und mindestens ebenso viele Menschen verletzt worden.

Im Jahr 2009 hatte der damalige Premierminister Gordon Brown den Beginn der Arbeit der Irak-Kommission bekanntgegeben. Wegen der Komplexität der Materie werde der Abschlussbericht aber erst in einem Jahr vorliegen - also 2010. Tatsächlich nahm die Untersuchung demnach sieben Jahre in Anspruch. Die Chilcot-Kommission befragte dafür Beteiligte und wertete geheime Dokumente aus.