London. In London hat am Mittwoch David Cameron die Regierungsgeschäfte an Theresa May übergeben. May, zu Wochenbeginn zur Vorsitzenden der Konservativen Partei gekürt, ist als zweite Premierministerin der britischen Geschichte in die Regierungszentrale Downing Street Nr. 10 eingezogen.

Zentrale Aufgabe der bisherigen Innenministerin ist es, ihr Land aus der EU zu führen. Helfen soll ihr dabei als neuer Außenminister der frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson, einer der wichtigsten Wortführer des Anti-EU-Camps - und noch immer einer der populärsten Politiker im Vereinigten Königreich.

Johnsons Rückkehr in die Top-Etage der britischen Politik wurde am Mittwochabend als neue Sensation im Brexit-Trubel gewertet. Der bekannteste Repräsentant des Austritts-Lagers, der vielen Briten als Favorit für die Cameron-Nachfolge galt, war erst vor kurzem aus dem Rennen um den Tory-Parteivorsitz ausgeschieden.

Johnson hatte im weiteren Verlauf des Wettstreits aber nicht Theresa May, sondern deren Rivalin Andrea Leadsom unterstützt. Dennoch sah May es offenbar als vorteilhaft, ihm jetzt das Foreign Office anzuvertrauen.

Zynische Stimmen vermuteten Mittwoch Abend, May wolle Johnson in der Regierung haben, ihn aber lieber auf Abstand halten. Als Außenminister sei Johnson wenigstens immer unterwegs und wenig in London, meinten mehrere Kommentatoren. Die wirklichen Entscheidungen zu Europa, erklärte Lionel Barber, Chefredakteur der Financial Times, würden dann "im Kabinettsamt und im Brexit-Ministerium" getroffen.

Zum Minister für Brexit - einen völlig neu geschaffenen Posten - ernannte Theresa May David Davis, einen ehemaligen Europa-Staatssekretär und außenpolitischen Veteranen der Konservativen. Das Brexit-Ministerium wird zur Zeit noch aufgebaut. Neuer Schatzkanzler ist der bisherige Außenminister Philip Hammond, der wie May für Verbleib in der EU eintrat. Der bisherige Schatzkanzler George Osborne, Camerons langjähriger Vertrauter und dessen Favorit für die Nachfolge, scheidet aus der Regierung aus.

In ihrer kurzen Antrittsrede sagte die neue Premierministerin zum Thema Brexit, ihr Land stehe vor "großen nationalen Veränderungen". Dieser Herausforderung werde man sich, auf typisch britische Art, erfolgreich stellen, sagte May. Britannien, gelobte sie, werde sich unter ihrer Führung "eine kühne, neue, positive Rolle in der Welt" verschaffen.

Besonderes Gewicht legte Theresa May, dass sie für "mehr soziale Gerechtigkeit" in Großbritannien sorgen wolle. Ihre Regierung werde "nicht die Interessen der privilegierten Minderheit" vertreten, versicherte sie, sondern sie wolle versuchen, "jedermann zu helfen" - vor allem "normalen Arbeiterfamilien".

"Das Leben ist ein Kampf


Sie wisse sehr wohl, sagte May, dass "das Leben ein Kampf" sein könne für solche Familien. Darum wolle sie überall Ungerechtigkeit bekämpfen und "der ganzen Bevölkerung" dienen. Die Einheit der Nation gehe ihr, als "One-Nation-Tory", über alles. Das betreffe auch den Zusammenhalt der einzelnen Teile des Vereinigten Königreichs, "dieses kostbare Band".

Zum Thema Brexit sagte May, ihr Land stehe vor "großem nationalen Wandel". Dieser Herausforderung werde man sich, auf typisch britische Art, erfolgreich stellen, meinte die neue Premierministerin. Britannien, gelobte sie, werde sich unter ihrer Führung "eine kühne, neue, positive Rolle in der Welt" verschaffen. Den Auftrag zur Regierungsbildung erhielt die 59-jährige Politikerin am Mittwoch von Königin Elizabeth II. bei ihrer Antrittsaudienz im Buckingham-Palast.

Mays Vorgänger, David Cameron, war etwas über sechs Jahre lang Premierminister gewesen. Zum Abschied räumte Cameron ein, er habe "nicht immer die richtige Entscheidung getroffen".

Dass er sein Amt niederlegen werde, hatte Cameron im Juni angekündigt, als klar wurde, dass er das von ihm angesetzte britische EU-Referendum verloren hatte. Eigentlich hatte er noch bis September im Amt bleiben wollen.

Ein Kampf um die Parteiführung zwischen Ministerin May und der Energie-Staatssekretärin Angela Leadsom diesen Sommer über war geplant. Am Montag hatte Leadsom aber überraschend aufgegeben. Im Anschluss daran erklärte Cameron sich zum sofortigen Rücktritt bereit.