Berlin. Mehr als 31,3 Millionen Menschen sind derzeit in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt - so viele wie noch nie. Nur 4,2 Prozent haben laut der EU-Statistikbehörde Eurostat keinen Job (Österreich: 6,1 Prozent). Nach nationaler Definition der deutschen Bundesagentur für Arbeit liegt die Arbeitslosenquote höher, doch die für Juni ausgewiesenen 5,9 Prozent bedeuten den niedrigsten Stand seit der deutschen Wiedervereinigung. Dieser Erfolg ist auch vielen Briten, die durch das Brexit-Votum verunsichert sind, nicht entgangen. Ein Drittel der hochqualifizierten Briten kann sich vorstellen, seine berufliche Laufbahn in einem anderen EU-Land fortzusetzen, 600.000 Fachkräfte von der Insel planen dies bereits, ergab eine Arbeitsmarktumfrage der Online-Jobbörse "StepStone". Unter den Personen mit konkreten Abwanderungsgedanken ist Deutschland mit 44 Prozent das mit Abstand beliebteste Zielland.

Die britischen Fachkräfte folgen dem Trend, die Zuwanderung nach Deutschland erreichte 2015 ein Rekordhoch: Mehr als zwei Millionen Ausländer wanderten zu, gab das Statistische Bundesamt am Donnerstag bekannt. Rund 45 Prozent davon waren EU-Bürger. Aus Asien kamen knapp 30 Prozent, insbesondere Asylsuchende aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. 859.000 Ausländer verließen hingegen Deutschland wieder, somit beträgt die Netto-Zuwanderung 1,14 Millionen Menschen.

In der Ökostrom-Branche
gehen Jobs verloren

Die bereits beschäftigten Migranten in Deutschland sind Teil eines durchgreifenden Branchenwandels, der sich derzeit in der Bundesrepublik vollzieht. Arbeitsplätze sind hauptsächlich in sogenannten Wachstumsbranchen gefragt: Gesundheit, Pflege und Kinderbetreuung, Dienstleistungen sowie IT und Kommunikation. Gleichzeitig erlebt Deutschland einen deutlichen Stellenabbau in einer einstigen Schlüsselbranche und einem Hoffnungsmarkt. Trotz höherer Konsumausgaben - unter anderem aufgrund der Niedrigzinspolitik - und gesunkener Arbeitslosigkeit drohen im Handel 30.000 Stellen verloren zu gehen; das wäre jeder hundertste Job. Die Digitalisierung stellt die Branche vor zusätzliche Probleme: Zwei Drittel der Besitzer kleiner Läden sind im Netz bisher kaum präsent, klagt der Handelsverband Deutschland.

Auch driftet die Beschäftigung zwischen dem Westen (5,4 Prozent arbeitslos) und dem Osten der Republik (8,2 Prozent ohne Job) weiterhin auseinander. Vor allem in den drei Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt haben Arbeitgeber allergrößte Schwierigkeiten, Auszubildende oder Unternehmensnachfolger zu finden. Vielen Regionen dort droht eine weitere Verödung.

Gerade im Osten schlug sich der Boom bei den erneuerbaren Energien nicht in dauerhaften Arbeitsplätzen nieder. Insbesondere die dortige Solarbranche musste schmerzhafte Erfahrungen machen, seitdem in China die Produktionskosten drastisch sanken. Windenergie ist mittlerweile der wichtigste Arbeitgeber unter den Erneuerbaren. Doch trotz der 2011 von Kanzlerin Angela Merkel ausgerufenen Energiewende und der großzügigen Subventionierung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz, entfielen 2014 nur rund 355.000 Jobs auf die Ökostrom-Branche - 45.000 weniger als noch 2012.

"Fachkräftemangel eher Phantom als Problem"

Wie viele Jobs durch die "Industrie 4.0" künftig verlorengehen, kann derzeit niemand seriös voraussagen. Jedenfalls berührt diese die seit Jahren hitzig geführte Debatte, dass Deutschland ob der Überalterung seiner Bevölkerung künftig ein Fachkräftemangel drohe: "Es gibt gute makroökonomische Argumente dafür, dass der Fachkräftemangel eher ein Phantom und weniger ein unlösbares Problem ist", sagt hingegen Thomas Straubhaar, Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg, in einem Beitrag für "Die Zeit". Treten doch Fachkräftelücken auf, sollten diese nicht primär durch Zuwanderung, sondern mithilfe einer besseren Integration ungenutzter Arbeitspotenziale geschlossen werden.

Doch trotz der im EU-Vergleich blendenden Arbeitsmarkt- und Konjunkturdaten wandern Jahr für Jahr rund 150.000 Deutsche aus. Unter ihnen befinden sich überdurchschnittlich viele Personen mit hohem Bildungsniveau: Von insgesamt 3,4 Millionen Deutschen im Ausland verfügten im Jahr 2011 rund 1,4 Millionen über Matura oder Berufsausbildung, weitere 1,2 Millionen sogar über einen Universitätsabschluss. Das geht aus dem 2015 erschienenen OECD-Bericht "Talente im Ausland" hervor. Vor allem in Österreich, Großbritannien und der Schweiz seien viele Deutsche in Berufen tätig, bei denen in Deutschland Engpässe bestehen, etwa Ingenieur-, Gesundheits- und Betreuungsberufe. Hochschullehrer und Wissenschaftler leben hingegen häufig in den USA, der Schweiz und Kanada.

Deutschland verlassen sie primär aus Karrieregründen, familiäre Banden spielen nur eine Nebenrolle. Genau umgekehrt verhält es sich bei Rückkehrern nach Deutschland.