London. "Brexit bedeutet Brexit", hat Theresa May, die britische Premierministerin, mehrfach erklärt in den letzten Tagen. Am Austritt aus der EU komme man jetzt nicht mehr vorbei. Die neue Regierungschefin, die vor dem Referendum noch für Verbleib in der EU plädierte, will sich von den Austritts-Befürwortern im Lande, den EU-Gegnern in der eigenen Partei und Ukips Rechtspopulisten jedenfalls nicht vorwerfen lassen, dass sie das Votum zu "verwässern" oder gar zu ignorieren suche. Darum hat sie dafür gesorgt, dass Politiker, die im Brexit-Camp standen, nun auch das Geschäft des EU-Austritts selbst übernehmen. Sie sollen die Verantwortung für die Austritts-Entscheidung tragen und zusehen, wie sie Großbritannien erfolgreich und möglichst schmerzlos aus der EU lösen können. Doch welche Ansichten und Haltungen vertritt das Ministertrio, dessen Mitglieder bereits "die drei Brexitiere" genannt werden?

David Davis: der "charmante Lump" Europas

Ein "Ministerium für das Verlassen der Europäischen Union", kurz Brexit-Ministerium, hat May für die Verhandlungen mit der EU extra geschaffen. Zurzeit wird noch ein geeignetes Gebäude gesucht für diese Neuschöpfung. Den Minister gibt es aber bereits. Er heißt David Davis. Der 67-Jährige, der unter John Major einmal Staatssekretär für Europa war, kommt von der Parteirechten, ist aber bekannt für seine couragiert-widerborstige Position in Fragen staatlicher Überwachung und Wahrung von Bürgerrechten. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, kann sich für Sozialreformen erwärmen und will den Wohlfahrtsstaat erhalten sehen - hat aber zugleich für die Einführung der Todesstrafe gestimmt.

Davis, der bei der Wahl zum Tory-Vorsitz vor elf Jahren David Cameron unterlag, verbrachte die Zeit seither auf den Hinterbänken und war schon fast etwas in Vergessenheit geraten. Seine Übernahme der Brexit-Schlüsselstelle ist eine erstaunliche Rückkehr ins Rampenlicht.

Der weißhaarige Londoner mit dem versöhnlichen Grinsen hofft, mit seinen Verhandlungspartnern in Brüssel zumindest persönlich gut auszukommen. Schon vor Jahren, berichtete er kürzlich schmunzelnd, hätten ihm kontinentaleuropäische Kollegen den Spitznamen "the charming bastard", der charmente Lump aus London, verliehen.

Boris Johnson (l.) ist auf einmal wieder drinnen, die Begeisterung darüber hält sich aber in den meisten Ländern in Grenzen.
Boris Johnson (l.) ist auf einmal wieder drinnen, die Begeisterung darüber hält sich aber in den meisten Ländern in Grenzen.

Hart gibt sich Davis, was den Austritt selbst angeht. Er ist überzeugt davon, dass die EU in der Frage einer Zollunion bei gleichzeitiger britischer Zuzugs-Beschränkung für EU-Bürger kompromissbereit sein wird. "Wenn die europäischen Nationen erst einmal begreifen, dass wir in Sachen Kontrolle unserer Grenzen nicht nachgeben, dann werden sie auch mit uns reden wollen - in ihrem eigenen Interesse", meinte er diese Woche. "Die Realität ist doch", sagte Davis jüngst einmal, "dass nüchterne, ganz und gar pragmatische Geschäftsleute auf dem Kontinent alles tun werden, um eine Unterbrechung des Handelsflusses mit Britannien zu vermeiden." Für ihn sei es "so gut wie sicher", dass ein Deal möglich sei, wie ihn London nun anstrebe.

Boris Johnson: der ewige Überlebenskünstler

Während David Davis "die Knochenarbeit" leisten soll, ist fürs diplomatische Flair auf dem internationalen Parkett Boris Johnson vorgesehen. Johnson, den die "Financial Times" schon als "politisch tot" abgeschrieben hatte, nachdem er aus dem Kampf um die Cameron-Nachfolge ausgestiegen war, steht plötzlich quicklebendig wieder auf der Bühne.

Ihm hat Theresa May das Außenministerium übergeben. Der prominenteste der "drei Brexitiere" soll der Regierungspolitik Schwung und Optimismus verleihen. Das Ministerium selbst, das traditionell pro-europäisch ist und dessen Diplomaten sich die Haare raufen über den Brexit-Beschluss, soll Johnson wieder mehr ins Gleichgewicht bringen. Vor allem aber soll er sein Land aller Welt als neugeborene, souveräne Freihandels-Nation verkaufen. Sprachen spricht er ja. Und China und Indien, so glaubt Johnson, warten auf ihn. Vielleicht weniger die Europäer. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte Johnson erst vor kurzem als "verantwortungslosen Politiker" bezeichnet, der ein "ungeheuerliches" Verhalten an den Tag gelegt habe. Johnsons französischer Kollege Jean-Marc Ayrault begrüßte dessen Ernennung mit den Worten, Johnson habe seinen Landsleuten "eine Menge Lügen aufgetischt". Anderswo wurde die Personalie ungläubig als "ein Witz", als ein Zeichen unbegreiflichen "britischen Humors" quittiert.

Grund für die negativen Stimmen ist, wie Johnson selbst weiß, nicht nur sein Verhalten im Referendums-Streit, sondern auch seine Fähigkeit, sich mit undiplomatischen Sprüchen in die Nesseln zu setzen. So hat er zum Beispiel der chinesischen Obrigkeit einmal zu erklären versucht, Tischtennis - Pingpong - sei keine chinesische, sondern eine ur-englische Erfindung. Über Hillary Clinton hatte er gesagt, mit ihren stahlblauen Augen erinnere sie ihn an eine "sadistische Pflegerin in einer Irrenanstalt".

Liam Fox: der Medizinmann für Krieg und Handel

Der dritte Mann in der Brexit-Werkstatt ist ein früherer Arzt und Armeeoffizier namens Liam Fox. Fox war ab 2010 siebzehn Monate lang Camerons Verteidigungsminister. Das Amt musste er wieder aufgeben, weil er seinen besten Freund aus purer Gefälligkeit an dutzenden amtlichen Terminen hatte teilnehmen lassen. In den letzten Jahren war auch Fox ein wenig an den Rand des Geschehens geraten. Jetzt soll der Schotte, als Leiter eines ebenfalls neu geschaffenen Ministeriums für Internationalen Handel, all die Deals vorbereiten, durchrechnen und abschließen, für die Boris Johnson ihm weltweit Türen öffnen soll. Von diesem Rechtsausleger der Tories werden die Europäer weniger zu sehen bekommen. Fox soll vor allem neue Erwerbsquellen für Brexit-Britannien fernab der EU auftun.