Paris/Wien. (klh) Im Zickzackkurs fuhr der Attentäter von Nizza laut Augenzeugen mit dem 25 Tonnen schweren Lkw durch die Menschenmenge - denn so konnte er am meisten Menschen töten. Schließlich löschte er in nur knapp einer Minute mehrere Dutzend Menschenleben aus.

Diesmal endete ein mit einem Fahrzeug durchgeführter Anschlag besonders blutig. Neu ist diese Methode aber nicht. In Israel sind palästinensische Attentäter immer wieder in Personengruppen gerast, etwa bei Busstationen. Auch in Frankreich hat es schon vor Nizza in den vergangen zwei Jahren mindestens drei Anschläge mit Fahrzeugen gegeben, in Dijon, Nantes und Valence. Ein Mensch kam dabei ums Leben und mehr als 20 wurden verletzt.

Dabei waren zwei Pkw und ein Kleinlaster verwendet worden. Dass nun ein schwerer Lastwagen zum Einsatz kam und eine große Menschenmenge zu einem symbolischen Anlass (in diesem Fall den französischen Nationalfeiertag) attackiert wurde, stellt eine Weiterentwicklung der Taktik der Terroristen dar, analysiert die Sicherheits-Consultingfirma "IHS Jane’s Terrorism and Insurgency Centre". Und sie warnt davor, dass der Anschlag von Nizza in den kommenden Monaten in Frankreich und anderen Staaten Nachahmungstäter auf den Plan rufen könnte.

"Unmöglich zu verhindern"

"Was kann man gegen so etwas unternehmen?", stellte nach dem Nizza-Attentat Andre Jacob, früher Leiter der Anti-Terrorismusoperationen in Belgien, die rhetorische Frage. "Es ist unmöglich zu verhindern. Auch wenn man Anhaltspunkte hat."

Lkw können schnell angemietet werden, und dass überhaupt jedes Auto zur Waffe werden kann, erhöht erneut das Bedrohungsszenario. Das ist ganz im Sinne des Islamischen Staates (IS). Ob sich der Nizza-Attentäter als IS-Krieger sah und was genau seine Motive waren, war zu Redaktionsschluss noch unklar. Aber er handelte so, als ob er den Anleitungen des IS folgen würde. Denn die Terrororganisation rief dazu auf, "alle Ungläubigen, Franzosen, Amerikaner oder irgendeinen ihrer Verbündeten zu töten". Dann listet die Terrormiliz noch ein paar verschiedene Möglichkeiten des Mordens auf, wenn es nicht möglich ist, Sprengstoff oder schwere Waffen einzusetzen - etwa erstechen, erwürgen oder eben mit dem Auto überfahren.

Die Charlie-Hebdo-Attentäter und der Supermarkt-Geiselnehmer von Paris hatten im Jänner 2015 ihre Opfer offenbar noch gezielt ausgesucht - angegriffen wurde die Zeitschrift, die Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte, und, was kein Zufall war, ein jüdisches Geschäft. Mittlerweile scheint es aber vor allem darum zu gehen, möglichst viele Menschen zu töten, egal wie, egal wo.

Das betrifft nicht nur Frankreich und Europa. Schon vor dem Nizza-Attentat hatte der IS eine Terrorserie lanciert - und zwar in muslimischen Ländern. Denn für die Terroristen sind auch alle Moslems, die ihrer Ideologie nicht folgen wollen, Ungläubige.

So bekannte sich die Terrormiliz zu einem Anschlag in einem beliebten Einkaufsviertel von Bagdad mit mehr als 280 Toten und zu der Geiselnahme in einem Restaurant in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, bei der die Gäste mit Macheten abgeschlachtet und mehr als 20 Menschen getötet wurden. Die türkischen Behörden schreiben dem IS auch den Anschlag auf den Istanbuler Atatürk-Flughafen mit 45 Toten zu.

Der versteckte Einzeltäter

Die Attentäter von Istanbul und Dhaka waren offenbar eine verschworene Gruppe - in Dhaka handelte es sich dabei gar um Sprösslinge aus wohlhabenden Elitefamilien, was viele überraschte, waren in dem südostasiatischen Land doch zuvor eher die Armenvierteln die Zentren der Radikalisierung.

In Nizza schlug nach den bisherigen Erkenntnissen ein Einzeltäter zu. Nachbarn haben gegenüber der Nachrichtenagentur AFP dem nach dem Anschlag getöteten Mohamed Lahouaiej-Bouhlel als stillen Einzelgänger beschrieben. Ein Nachbar sagte, der 31-Jährige sei nicht offensiv religiös aufgetreten, er habe häufig Shorts getragen. Er war den Behörden zwar als Kleinkrimineller, aber nicht als Islamist aufgefallen. Täter mit einem derartigen Profil können vor der Tat von den Behörden kaum abgefangen werden, da sie sich meist unterhalb des Radars von Polizei und Geheimdiensten radikalisieren, Taten ohne Kontakte zur Außenwelt planen.

Und ganz generell kann der Terrorismus momentan wohl höchstens eingedämmt, aber nicht ganz gestoppt werden. Denn der Islamische Staat will überall und mit ganz verschiedenen Methoden zuschlagen - Hauptsache Tote, Hauptsache Schrecken. Das Täterfeld ist groß und unübersichtlich - Gruppen und Einzelgänger, Schläfer und Syrien-Heimkehrer. Zudem haben die Mitarbeiter in den Sicherheitsapparaten teilweise auch schon die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht - etwa in Frankreich, wo gerade erst die Fußball-EM beendet wurde und jedes Stadion, jede Fanzone bewacht werden musste.

Sicherheit gibt es nirgendwo

"Die Franzosen werden sich an die Realität von Attentaten gewöhnen müssen", sagte schon im Sommer 2015 Frankreichs oberster Anti-Terror-Staatsanwalt Marc Trevidic, als seine Amtszeit endete. "Wir sind in einer neuen Ära. Frankreich wird mit dem Terrorismus leben müssen", räumte nach dem Nizza-Attentat Ministerpräsident Manuel Valls nun ein.

Freilich ist Frankreich besonders gefährdet und ein Hauptziel der Terroristen. Doch, so steht zu befürchten, Sicherheit gibt es auch anderswo nicht. Hauptsache Tote, Hauptsache Schrecken.