Istanbul. Die Bilder erinnern an das US-Foltergefängnis Abu Ghraib im Irak, aber sie stammen aus der Türkei. Dutzende Männer liegen mit auf den Rücken gefesselten Händen und Sack über dem Kopf halbnackt auf dem Boden einer Halle. Andere Fotos zeigen blutig geschlagene Häftlinge. In einem Video sieht man Generäle in einer Reihe, die immer wieder ihren Namen und Rang nennen müssen, während Kameras klicken. Sie können sich kaum auf den Beinen halten, ihre Körper und Gesichter sind von Schlägen gezeichnet. Die Bilder kursieren millionenfach im Internet und werden von Medien verbreitet, die der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP nahestehen.

"Diese Bilder sind absolut schockierend, aber sie zeigen wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs", sagt Emma Sinclair-Webb von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in Istanbul. Seit dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli rollt eine Welle von Massenverhaftungen durch die Türkei. Für den Putschversuch machen Präsident Recep Tayyip Erdogan und die Regierung in Ankara die Bewegung des in den USA lebenden Islampredigers Fethullah Gülen verantwortlich, die in der Türkei als Terrororganisation geführt wird.

Schläge und Vergewaltigungen

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schrieb am Sonntag in einer beunruhigenden Erklärung, dass ihr glaubwürdige Hinweise auf Misshandlungen und Folter gegen festgenommene Verdächtige in der Türkei vorlägen. Sie beziehen sich auf den Umgang mit rund 13.000 Verdächtigen, denen eine Beteiligung am Putschversuch vorgeworfen wird. Gefangene würden von der Polizei in Ankara und Istanbul "in schmerzhaften Positionen über einen Zeitraum von bis zu 48 Stunden" festgehalten.

"Berichte von Misshandlungen inklusive Schlägen und Vergewaltigung in Polizeigewahrsam sind extrem alarmierend", sagte Europa-Direktor John Dalhuisen. Die türkische Regierung müsse diese "abscheulichen Praktiken" sofort stoppen und unabhängigen Beobachtern den Zugang zu allen Einrichtungen gewähren, in denen Verdächtige festgehalten werden. Ein türkischer Regierungsvertreter wies die Vorwürfe kategorisch zurück. Vorgegangen werde gegen jene, die während des Putsches "250 Zivilisten kaltblütig ermordet haben".

Verantwortlich für die Recherchen, auf denen die Amnesty-Angaben beruhen, ist Rechercheur Andrew Gardner, der seit zehn Jahren in Istanbul lebt. "Die jetzigen Vorgänge werfen die Türkei bezüglich der Menschenrechtslage um Jahrzehnte zurück", sagte er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Sein Team hat in Ankara und Istanbul mit Anwälten, Ärzten, Angehörigen von Häftlingen und sogar mit einem Wächter aus einer Hafteinrichtung gesprochen. Die Berichte stimmten überein, es gebe keinen Grund, an ihnen zu zweifeln, sagt Gardner.