Die Folter-Fotos und -berichte stammen vor allem aus drei Massenlagern Ankaras - einer Halle und Ställen des Baskent-Sportklubs und einer Sporthalle im Polizeihauptquartier, das die Putschisten am 15. Juli attackiert hatten. "Vor allem die Misshandlung hochrangiger Soldaten wirkt auf mich organisiert und wie eine Rache an den Angreifern", sagt Gardner. 650 bis 800 gefangene Soldaten seien in diesem Polizeizentrum gefangen, die Hälfte sei misshandelt worden, 40 Offiziere so schwer, dass sie nicht mehr laufen könnten. Ein Mann sei mit lebensgefährlichen Wunden ins Krankenhaus gekommen. "Laut unseren Quellen werden die Häftlinge massiv geschlagen, wir haben Berichte über gebrochene Rippen und Wangenknochen und über Vergewaltigungen mit Fingern und Stöcken."

Vom Hauptzeugen für die mutmaßliche Täterschaft der Gülen-Bewegung, Oberstleutnant Levent Türkkan, verbreiten Medien ein Bild, auf dem er halb tot aussieht, mit bandagiertem Rumpf und Händen, die aussehen, als trügen sie einen Gipsverband. "Was ist seine Aussage wert?", fragt Gardner und gibt die Antwort: "Gar nichts. Die Folter bewahrt die Urheber des Putsches aber möglicherweise vor einer Strafe, da spätestens der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die darauf beruhenden Urteile aufheben wird. Wenn man die Verantwortlichen hinter Gitter bringen will, sollte man gut auf sie achtgeben."

Billigung der Verbrechen

Selbstverständlich müssten die Verantwortlichen für den Putsch vor Gericht gestellt und verurteilt werden, sagt der Amnesty-Mitarbeiter. Doch alle durch Folter gewonnenen Aussagen seien nach internationalem wie nach geltendem türkischen Recht wertlos. Mit den Misshandlungen zerstöre der Staat seine eigene Beweiskette gegen die Gülenisten. "Dass die Regierung sie nicht verurteilt und diese Bilder verbreiten lässt, ohne sie zu kritisieren, kommt einer Billigung der Verbrechen gleich."

Gardner kritisiert zudem das am Samstag erlassene Dekret Erdogans, das es Behördenvertretern erlaubt, bei Treffen von Verdächtigen und Anwälten anwesend zu sein und die Gespräche aufzuzeichnen. Dokumente, die zwischen Festgenommenen und Anwälten ausgetauscht werden, dürfen beschlagnahmt werden. "Damit wird das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren unterlaufen." Angehörige werden im Unklaren über das Schicksal ihrer Verwandten gelassen. Viele Anwälte würden keine Mandate annehmen, aus Angst, dann selbst als Gülenisten abgestempelt zu werden. "Außerdem berichten uns die Anwälte, dass ihre Mandanten kaum oder gar nicht über den Putsch verhört werden, sondern vor allem zu ihrer Verbindung zur Gülen-Bewegung."

Amnesty International fordert das Antifolter-Komitee des Europarats auf, so schnell wie möglich in die Türkei zu kommen und die Hafteinrichtungen und Sammellager zu besuchen. "Die Menschenrechte und die Rechtsstaatlichkeit in der Türkei sind in höchster Gefahr", sagt Andrew Gardner.