Moskau/Kiew. (is/reu) Die Angst vor einem neuen Kriegsausbruch zwischen Russland und der Ukraine geistert nicht nur in den Medien der verfeindeten Ex-Sowjetrepubliken umher. Auch im Westen steigt nach den jüngsten Scharmützeln im Grenzgebiet zur Krim allmählich die Nervosität. Am Donnerstag hatte der US-Botschafter in Kiew, Geoffrey Pyatt, Russlands Behauptung, es habe geplante Terrorakte einer Sabotagegruppe des ukrainischen Militärgeheimdienstes im letzten Moment vereitelt, noch als Propaganda abgetan, mit der Moskau "von seinen eigenen illegalen Aktionen ablenken" wolle. Am Freitag, aufgeschreckt durch die russische Verlegung von 40.000 Soldaten und schwerem Kriegsgerät an die Grenze zur Krim, waren die USA schließlich um Deeskalation bemüht. Man sei besorgt über die erneuten Spannungen an der ukrainisch-russischen Grenze. Diese könne durch Taten und Worten weiter verschärft werden, sagte US-Außenamtssprecherin Elizabeth Trudeau und rief beide Seiten - auch die Verbündeten in Kiew - zur Mäßigung auf.

Auf den Plan tritt auch Deutschland. "Es gibt im Moment niemanden, der die russischen Vorwürfe bestätigen kann", sagte der Russland-Beauftragte der Regierung in Berlin, Gernot Erler, der "Passauer Neuen Presse" (Freitag); "ich weiß nicht, wo der russische Präsident hin will". "Uns bleibt in dieser Situation nur, an die Besonnenheit der Verantwortlichen in Kiew und Moskau zu appellieren."

Außenminister Frank-Walter Steinmeier will am Montag in Jekaterinburg am Ural mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow über den neu aufgelammten Ostukraine-Konflikt beraten. "Gesprächsstoff gibt’s reichlich", so der SPD-Politker. Er wolle sich insbesondere dafür einsetzen, dass die Einhaltung der im Minsker Abkommen 2015 vereinbarten Waffenruhe im Donbass besser gewährleistet werde. In der Ostukraine hatten die Kämpfe zwischen den prorussischen Abtrünnigenverbänden und der regulären Armee zuletzt wieder massiv zugenommen; allein seit Ende Juni starben 50 ukrainische Soldaten und 170 Kämpfer der "Volksrepubliken". "Nicht weniger wichtig", so Steinmeier an die Adresse Kiews, "ist die Arbeit an einem Gesetz für Lokalwahlen in der Ostukraine, die zurzeit stattfindet".

Neue Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau über eine Lösung der Krise halten Experten derzeit aber für ausgeschossen. Der russische Präsident hatte mit Hinweis auf die "Terrorabsichten" des Nachbarlandes einen Dialog als "vollkommen sinnlos" bezeichnet. Stattdessen gießen beide Konfliktparteien weiter Öl ins Feuer.

Moskau präsentiert "Geständnis"-Video

Kiew denkt als Reaktion auf die russischen Sabotage-Unterstellungen bereits über die Einführung einer Visumpflicht für russische Staatsbürger nach. Am Freitag beschuldigte der Militärgeheimdienst Moskau, entlang der Frontlinie bewusst "groß angelegte provokative Aktionen" vorzubereiten, um der Ukraine anschließend vorzuwerfen, die die Minsker Friedensvereinbarungen zu boykottieren. Die Terrorwarnstufe wurde erhöht.

Russland setzt indes auf militärische Machtdemonstration. Nach Angaben des ukrainischen UN-Botschafters Wolodymyr Jeltschenko hat Moskau bereits rund 40.000 Soldaten in der Ostukraine und an der Grenze zur Krim zusammengezogen. Die russische Armee hatte im März 2014 die zur Ukraine gehörende Krim im Schwarzen Meer nach einer international nicht anerkannten Volksabstimmung annektiert.

Zugleich veröffentlichten die Russen am Freitag ein Video, in dem einer der angeblichen Saboteure des ukrainischen Militärgeheimdienstes nach der Gefangennahme vom russischen Geheimdienst verhört wird. Der 39-jährige "Kriegsgefangene" Jewgeni Panow gesteht darin die Tat. Demnach hätten er und seine Kollegen - die er auf Aufforderung auch namentlich aufzählt - Terroranschläge auf wichtige Infrastruktureinrichtungen der Krim geplant.

Auch die Aussagen des russischen UN-Botschafters Witali Tschurkin auf einer von Kiew beantragten Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates in der Nacht auf Freitag waren kaum dazu gedacht, zur Entspannung beizutragen. Er hoffe, dass die Ukraine "klug genug" sei, um alles in ihrer Macht stehende für eine Entschärfung der Lage zu tun, meinte er. Kiew gab mit: "Lasst die Finger von Sabotage und Terrorismus - das ist mein guter Rat."

Das offizielle Kiew streitet derweil jede Verantwortung ab und erklärt den Vorfall mit möglichen Schießereien zwischen russischen und ukrainischen Soldaten. Es sieht diese Fantasien lediglich als Vorwand für weitere militärische Drohungen gegen die Ukraine.