Umstrittene Gesetze zur "Entkommunisierung"

In der Deutung der aktuellen politischen Ereignisse leben Ukrainer und Russen in völlig unterschiedlichen Welten. Das hat die jüngste Eskalation um die Krim gezeigt. Moskau hat Kiew beschuldigt, russische Truppen im Norden der Krim beschossen zu haben. Die Ukraine wirft Russland indes vor, selbst für die tödlichen Zusammenstöße verantwortlich zu sein. Was wirklich geschehen ist, lässt sich derzeit nicht sagen. Fakt ist, dass es sich um eine weitere Episode handelt, die in Kiew und Moskau völlig entgegengesetzt gedeutet wird - in diesem an unterschiedlichen Deutungen so reichen Konflikt: Was den Ukrainern eine "Revolution der Würde" ist, ist den Russen ein "Faschistenputsch". Die Krim: Annexion oder Heimholung? Die pro-russischen Separatisten im Donbass: Terroristen oder Revolutionäre?

Und die Gräben werden noch tiefer. 2015 hat das ukrainische Parlament die umstrittenen Gesetze zur "Entkommunisierung" verabschiedet. Sowjetische Bezeichnungen von Straßen und Städten sollen umbenannt, Denkmäler überhaupt entfernt werden. Das hat allerdings viele Kritiker auf den Plan gerufen. "Es ist eine Ironie, dass diese neuen Gesetze die Redefreiheit einschränken und die Geschichte verzerren, auf eine Art und Weise, die dem sowjetischen Zugang gefährlich nahe kommt", meint die Politologin Natasha Bluth. "Die Gesetze verwischen die komplizierte Vergangenheit der Ukraine."

Während die Ukraine mit ihrer sowjetischen Vergangenheit aufräumen will, sind neue Symbole entstanden. Im Vorfeld des Unabhängigkeitstages ist folgender Werbespot erschienen: "Die Ukraine - frei geboren!" Auf dem Flughafen in Kiew werden Soldaten in überlebensgroßen Plakaten glorifiziert. "Die Helden sind unter uns", steht auf einer Schautafel. Am Fuße der Berehynja, der goldenen Statue am Maidan, zeugen Fotoausstellungen von den Heldentaten der ukrainischen Armee an der Front. Das Selbstverständnis einer neuen Nation? Oder doch nur Kriegskitsch?

Glück hatte indes die "Mutter-Heimat-Statue", die sozialistische Kriegerin mit Schwert und Schild, dass sie nicht der Abrissbirne weichen musste, wie zahllose Lenin-Statuen quer durch das Land. Das hat sie nur einem kleinen Zusatz in den "Gesetzen zur Entkommunisierung" zu verdanken: Denn Kriegsdenkmäler zum Zweiten Weltkrieg sind davon ausgenommen. Am Gedenktag wurde sie mit einem Haarkranz aus roten Mohnblumen geschmückt. Als der Krieg im Donbass losbrach, wurde sie abends in blau-gelbes Licht - die ukrainischen Nationalfarben - getaucht.

Russlands Präsident Wladimir Putin begeht die ukrainischen Feierlichkeiten auf seine Weise: Er besuchte am Freitag überraschend - und wohlkalkuliert - die annektierte Krim-Halbinsel.