Konstanze Walther traf Jan Lundvist vom Stockholmer Wasserinstitut in Alpbach. - © Andrei Pungovschi
Konstanze Walther traf Jan Lundvist vom Stockholmer Wasserinstitut in Alpbach. - © Andrei Pungovschi

"Wiener Zeitung": Erreichen wir bei sauberem Wasser irgendwann einen Punkt, an dem die Ressourcen absehbar zur Neige gehen, so wie bei Erdöl?

Jan Lundqvist: Es ist mehr ein gesellschaftliches Problem als eines der vorhandenen Ressourcen. Wir machen Wasservorkommen für vieles verantwortlich, wofür wir eigentlich Menschen verantwortlich machen sollten.

Zum Beispiel?

In der Nahrungsmittelproduktion. Da verwenden wir unglaubliche Mengen an Wasser. Viel bleibt am Acker liegen, geht beim Transport verloren oder landet im Abfall. Wir sind inzwischen sensibilisiert, was den Umgang mit Wasser betrifft, merken aber nicht, dass wir mit jedem Essensrest Tonnen von Wasser in den Müll schmeißen. Für die Herstellung eines halben Liter Biers werden 80 Liter Wasser benötigt. Für ein Kilo Fleisch sind es bis zu 15 Tonnen Wasser. Und da die Bevölkerung immer mehr wächst, wird auch die Produktion von Nahrungsmitteln weiter ausgedehnt. Wasser ist Leben, sauberes Wasser ein Geschenk, das nicht unbegrenzt vorhanden ist. Auf unserem Planeten sind 96 Prozent der Gewässer entweder Salz- oder Brackwasser.

Der Zugang zu sauberem Wasser gilt als Menschenrecht. Es muss also zu niedrigen Kosten verfügbar sein. Das kommt auch Unternehmen zugute, die 40 Liter für die Herstellung einer einzigen Mandel verwenden. Ist es gerechtfertigt, Agrarunternehmen Wasser zum Selbstkostenpreis zu überlassen?

Eine hitzige Debatte. Es gibt zumindest einen breiten Konsens, dass die Wasserversorgung und der Zugang zu Wasser primär in den Verantwortungsbereich der Regierungen fallen. Für das Menschenrecht auf Wasser braucht es jemand, der dieser Verpflichtung nachgeht und das Mandat hat, diese Versorgung sicherzustellen Dafür zahlen wir Steuern. Und dafür zahlt auch die Privatwirtschaft Steuern, obwohl manche finden, dass die Unternehmen mehr zahlen sollen. Aber bei Unternehmen findet sich immer mehr eine Art freiwillige Selbstverpflichtung im Umgang mit Wasser. Die wissen einerseits genau, dass sie ihre eigene Geschäftsgrundlage nicht zerstören dürfen. Andererseits stehen die ganz großen Unternehmen auch in der Öffentlichkeit und müssen für ihr Verhalten Rechenschaft ablegen. In manchen Schwellenländern sorgen die Unternehmen dafür, dass ihre Arbeiter Zugang zu Wasser und Sanitäreinrichtungen bekommen. Davon abgesehen sollte eine klare Trennlinie gezogen werden zwischen dem Wasser, dass wir für Grundbedürfnisse brauchen und jenem Wasser, das für kommerzielle Bewässerung von Agrarunternehmen verwendet wird. Grundbedürfnisse heißt aber auch nicht, dass man Wasser nur fürs Trinken verwenden darf. Man soll auch seinen kleinen Garten bewässern dürfen. Und das Recht auf Wasser heißt auch, dass man aus Flüssen für den eigenen Gebrauch Wasser pumpen darf. In Südafrika ist das Recht auf Wasser sogar in die Verfassung geschrieben worden. Doch damit ist die Frage nicht geklärt, wer für die Qualität des Wassers verantwortlich ist.

Große Unternehmen stehen zunehmend im Blick der Öffentlichkeit, viele versprechen freiwillige Selbstbeschränkungen. Coca Cola gilt allerdings in Indien für viele landwirtschaftliche Betriebe als Erzfeind, weil der Konzern für seine Produkte, seien es Softdrinks oder in Flaschen abgefülltes Wasser, das Grundwasser aus dem Boden pumpt - einfache Landwirte fühlen sich von der Wasserversorgung abgeschnitten. Coca Cola steht 24 Stunden lang Strom für das Pumpen zur Verfügung, während die Bauern mit weniger auskommen müssen.

Ja, Coca Cola hat in Indien viele Schwierigkeiten bekommen. Erst im März ist eine umstrittene Fabrik in der Stadt Kaladera geschlossen worden, weil sie sich "wirtschaftlich nicht mehr rentiert", nachdem die Bevölkerung und die lokalen Behörden dagegen lange Sturm gelaufen sind. In Kalifornien gibt es mit der langen Dürreperiode ein ähnliches Problem, wo weiterhin kommerziell Nutzen aus abgefüllten Flaschen geschlagen wird. Das ist eine Grundsatzdebatte: Soll Wasser in Flaschen abgefüllt werden und weiterverkauft werden dürfen? Ich finde das sehr bedenklich. Wir haben einen universellen Benimmkodex, aber damit er eingehalten wird, braucht es öffentlichen Druck, nationale Regierungen und die Daten von Forschern und NGOs, damit sich Unternehmen innerhalb der Verhaltensregeln bewegen.

Wenn Wasser in einem Land zu teuer wird, verschieben Unternehmen ihre Aktivitäten ins Ausland, ähnlich wie bei dem internationalen Steuerwettbewerb.

Es ist schwierig. Persönlich bin ich gegen abgefüllte Wasserflaschen. Es ist absolut lächerlich, in Schweden Wasser in Flaschen zu kaufen. Ich verstehe, dass es in Indien oder Afrika ein Bedürfnis nach garantiert sauberem Trinkwasser gibt, auch ich trinke das Wasser in diesen Ländern nicht aus der Leitung. In Schweden hatten wir Ende der 1960er Jahre das Problem, dass wir das Wasser nicht trinken konnten - haben es aber in den Griff bekommen. Auch in Alpbach kann man Wasser im Supermarkt kaufen. Wieso die Menschen dafür viel Geld zahlen wollen, ist mir ein Rätsel. In Schweden zahlt man für abgefülltes Wasser mehr als für Milch. Wenn wir über Wasser und dessen Verwendung sprechen, ist wichtig: Die Verantwortung liegt nicht nur bei der Privatwirtschaft. Bei der Nachfrage des Angebots sind mehrere Protagonisten beteiligt.

Wo es kein sauberes Leitungswasser gibt und die Bevölkerung auf Wasserflaschen angewiesen ist, müssen sie dafür auch zahlen.

Wasser soll nicht gratis sein, denn die Herstellung ist auch nicht kostenlos. Die es sich leisten können, sollen zahlen. Bedürftige, sollen es gratis oder zumindest sehr günstig bekommen.

Mehrere Labors haben Coca Cola Bestnoten bescheinigt, während das abgefüllte Wasser von indischen Getränkekonzernen die Gesundheitsstandards nicht erreichte. Natürlich kann man sagen: Coca Cola hat die Technologie, Wasser richtig zu säubern. Man kann den Menschen, die sauberes Wasser kaufen wollen aber auch keinen Vorwurf machen.