Brüssel. (czar) Sammelklagen gegen den Automobil-Hersteller Volkswagen - das könnte schon bald mit Unterstützung aus Brüssel erfolgen. Die für Justiz, Konsumenten und Gleichstellung zuständige EU-Kommissarin Vera Jourova kündigte Gespräche über "kollektive Rechtsdurchsetzung" an. Die Behörde prüft derzeit Vorwürfe gegen VW, der Konzern hätte gegen die EU-Regeln gegen unfaire Geschäftspraktiken und zum Verbrauchsgüterverkauf verstoßen. Das dürfte eingetreten sein: Jourova bestätigte Medienberichte, wonach der Autobauer in etlichen Mitgliedstaaten die Vorgaben verletzt habe.

Damit zieht der sogenannte Abgasskandal weitere Kreise. Dem Unternehmen könnten Schadenersatz-Zahlungen drohen, ähnlich wie in den USA. Dort hatte die Affäre ihren Anfang genommen, nachdem die Umweltschutzbehörde EPA mitgeteilt hatte, dass VW in Automodellen der Jahre 2008 bis 2015 eine Software zur Umgehung von Emissionskontrollen eingebaut habe. Der Konzern hat die Manipulation von Abgaswerten bei Millionen Autos eingestanden. Klagen und Forderungen nach Entschädigung waren die Folge.

In den USA hat VW bereits einen Vergleich geschlossen. Die Einigung mit hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten kostet den deutschen Konzern bis zu knapp 14 Milliarden Euro. Der größte Teil davon fließt in den Rückkauf von fast 500.000 Dieselwagen mit 2,0-Liter-Motoren. Für Händler in den USA gibt es Ausgleichszahlungen.

Dabei könnte es nicht bleiben: Weltweit drohen Europas größtem Autobauer weitere Kosten für Rückrufe, Aktionärsklagen und Strafen, die sich auf mehr als zehn Milliarden Euro auftürmen könnten, wie die Nachrichtenagentur Reuters vorrechnet. Demnach schätzen Analysten, dass die Aufarbeitung des Skandals das Unternehmen insgesamt zwischen 20 und 35 Milliarden Euro kosten könnte.

Immerhin sind weltweit an die elf Millionen Fahrzeuge betroffen; allein in Österreich sind es mehr als 360.000 Autos. Das Verkehrsministerium in Wien hat daher ebenfalls schon im Vorjahr den Rückruf aller manipulierten Fahrzeuge angeordnet. Das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt hat VW zur Rücknahme von 2,4 Millionen Autos verpflichtet. Für die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselwagen in Europa dürfte Volkswagen eine einstellige Milliarden-Euro-Summe ausgeben.

Ruf nach Schadenersatz


Vor einer Entschädigung der Kunden - wie in den USA - hat sich der Konzern allerdings bisher gewehrt. Er verweist auf eine andere Rechtslage als in den Vereinigten Staaten. Das räumte auch Jourova ein. Ein "kollektiver Schadenersatz" sei in der EU kaum möglich; über die finanziellen Forderungen entscheiden die Gerichte des jeweiligen Mitgliedstaates. Dennoch müsse die Kommission reagieren, wenn Volkswagen gegen europäische Gesetze zum Konsumentenschutz verstoße. Die Behörde könnte das Vorgehen der einzelnen Länder koordinieren.