Wien/Rom. (ag.) Nachdem es eine verbindliche EU-Quote zur Aufteilung von Flüchtlingen nicht gibt, ist die Zahl der von Italien versorgten Migranten zuletzt auf ein Rekordhoch gestiegen. Laut Innenministerium in Rom sind fast 160.000 Schutzsuchende in Betreuung. Mehr als 130.000 sind seit Jahresbeginn neu eingetroffen - eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr.

Vor diesem Hintergrund plant der italienische Premier Matteo Renzi nun die Errichtung einer Task Force, die gemeinsam mit Regionen und Gemeinden die Versorgung und Integration der Schutzsuchenden koordinieren soll. An der Spitze der Kommission aus Experten des Innen-, Außen- und Verteidigungsministeriums soll der frühere Justizminister und Ex-Bürgermeister von Turin, Piero Fassino, stehen.

Ziel der Task Force ist außerdem eine beschleunigte Abschiebung von abgelehnten Asylwerbern. Auch die EU-Registrierungszentren für neu ankommende Migranten in Italien, die sogenannten Hotspots, sollen künftig ihrer Kontrolle unterliegen.

Laut einer jüngsten Umfrage sprechen sich etwa 48 Prozent der Italiener für eine strengere Kontrolle der Schengen-Binnengrenzen aus, um illegale Migration zu unterbinden. 35 Prozent wollen nur unter besonders schwerwiegenden Umständen Kontrollen an den EU-Innengrenzen, wie aus einer Umfrage hervorgeht.

Der "Dschungel" wächst

Unterdessen steht in Frankreich die komplette Räumung des Flüchtlingslagers von Calais im Raum. "Die Regierung wird das bis zum Schluss durchziehen", meinte Präsident François Hollande bei einem Besuch in Calais. Er forderte Unterstützung von Großbritannien, dem Zielland der bis zu 10.000 Migranten im Lager. "Ich dränge darauf, dass auch die britischen Behörden ihren Teil zur humanitären Anstrengung beitragen, die Frankreich hier leistet und auch weiterhin leisten wird", so das französische Staatsoberhaupt.

Die Zahl der in einem riesigen, eigentlich illegalen Lager im Industriegebiet von Calais ist zuletzt wieder stark gestiegen. Viele Migranten haben Verwandte in Großbritannien und wollen um jeden Preis übersetzen.

Laut dem 2003 zwischen Paris und London geschlossenen Vertrag von Touquet wurden die Grenzkontrollen von der britischen Seite der Grenze nach Nordfrankreich verlegt. Dort entstanden in den vergangenen Jahren enorme Absperrungen und Sicherheitsanlagen, um die Migranten davon abzuhalten, den Ärmelkanaltunnel zu Fuß bzw. unter oder in Lastwägen versteckt zu durchqueren. Offizielle Zahlen, wie viele es dennoch schaffen, gibt es nicht. Allerdings ist diese Grenze eine äußerst gefährliche: Bereits 13 Menschen starben seit Jahresbeginn beim Versuch, sie zu überqueren.

Hollande, der im Vorwahlkampf für die Präsidentschaftswahl 2017 zunehmend unter Druck vonseiten der rechtspopulistischen Front National sowie der konservativen "Republicains" von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy gerät, hat schon vor seinem Besuch in Calais versprochen, das Lager noch vor dem Winter zu räumen. Die Menschen sollen auf mehr als 150 kleine Lager im ganzen Land aufgeteilt werden.

Merkel sichert Hilfe zu

Der Flüchtlingsgipfel am Samstag in Wien, zu dem Bundeskanzler Christian Kern zehn Kollegen aus den Staaten entlang der Balkanroute sowie Deutschland und Griechenland eingeladen hatte, hat keine konkreten Beschlüsse gebracht. Tenor des Treffens war, dass die europäische Außengrenze besser geschützt werden müsse. Schlepper dürften nicht mehr bestimmen, wer nach Europa komme. Bereits zu Beginn des Gipfels machte EU-Ratspräsident Donald Tusk klar, dass die Balkanroute "für immer" geschlossen bleiben müsse. Verantwortlich für die Schließung war maßgeblich Österreich, das im Februar ein Treffen in ähnlicher Besetzung wie am Samstag - nur ohne Griechenland und Deutschland - organisiert hatte. Wien wurde damals heftig dafür kritisiert, nicht zuletzt vonseiten Brüssels. Ein halbes Jahr später sagte Tusk nun: "Wir müssen praktisch und politisch sicherstellen, dass die Westbalkanroute für illegale Migration für immer geschlossen ist."

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sicherte Griechenland und Italien in Wien weitere Hilfe zu. So werde Deutschland aus diesen Staaten mehrere hundert Migranten mit Bleiberecht pro Monat aufnehmen. Diese Menschen bräuchten eine Perspektive, betonte sie. Aber auch die Rückführung von Menschen ohne Bleiberecht müsse funktionieren.