Sofia. (dpa/afp) Die Bulgaren müssen am kommenden Sonntag in einer Stichwahl über den neuen Präsidenten des EU-Landes entscheiden. Dabei treten der russlandfreundliche Kandidat der oppositionellen Sozialisten, Rumen Radew, und die Bewerberin der bürgerlichen Regierungspartei Gerb, Parlamentspräsidentin Zezka Zatschewa, gegeneinander an. Der parteilose Ex-Luftwaffengeneral Radew kam nach den am Montag veröffentlichten Zwischenergebnissen der ersten Wahlrunde vom Sonntag auf 25,67 Prozent der Stimmen. Die klar favorisierte Juristin Zatschewa kam mit 22,02 Prozent auf den zweiten Platz. Insgesamt bewarben sich 21 Kandidaten um die Nachfolge des pro-westlichen Amtsinhabers Rossen Plewneliew.

Der überraschende Sieg des Oppositionskandidaten ist eine schwere Schlappe für den rechtskonservativen Regierungschef Bojko Borissow. Radew hatte im Wahlkampf vor allem auf seine Forderung nach besseren Beziehungen zu Moskau gesetzt. Der 53-Jährige sprach sich auch für die Aufhebung der EU-Sanktionen gegen Russland aus.

Zatschewa wiederum vertrat die Linie von Borissow mit seiner Anbindung an EU und Nato. Der Regierungschef hatte vor dem Urnengang gedroht, er werde zurücktreten und vorgezogene Parlamentswahlen ansetzen, wenn seine Kandidatin im ersten Durchgang nicht gewinnen sollte. Noch in der Wahlnacht ruderte er aber zurück: Erst müsse man den zweiten Wahlgang abwarten. Sollte Zatschewa die Stichwahl verlieren, werde er zurücktreten.

Borissow selbst hatte die Präsidentschaftswahl zum Stimmungstest für seine Gerb-Partei erklärt. Er hatte seine von heftigen Protesten gegen Korruption überschattete erste Amtszeit Anfang 2013 mit einem Rücktritt beendet, wurde jedoch Ende 2014 wiedergewählt. Unter seiner Minderheitsregierung hat sich das südosteuropäische Land politisch stabilisiert.

Sollte der Ministerpräsident nun wirklich vorgezogene Parlamentswahlen ansetzen, würde dies den armen EU-Staat erneut in eine unsichere Lage stürzen. Eigentlich läuft Borissows Mandat noch bis 2018. Der Präsident hat in Bulgarien kaum politische Gewalt, sondern fast ausschließlich repräsentative Aufgaben.

Ungewiss ist, ob Zatschewa in der Stichwahl genug Unterstützung von Wählern der in der ersten Runde gescheiterten Kandidaten erhalten wird. Ein Teil des Reformblocks will als kleiner Koalitionspartner in der Regierung Zatschewa bei der Stichwahl unterstützen. Der Kandidat des Reformblocks für das höchste Staatsamt, Trajtscho Trajkow, kam im ersten Wahlgang nur auf gut sechs Prozent. Der Geschäftsmann Wesselin Mereschki, der gut zehn Prozent erhielt, rief seine Wähler indirekt auf, für Zatschewa zu stimmen. Der Nationalist Krassimir Karakatschanow (15 Prozent) verweigerte jegliche Unterstützung für die Stichwahl-Kandidaten. Die oppositionelle Türkenpartei DPS stellte sich hinter Radew.

Mehrheit für Änderung
des Wahlrechts


Bei einem zeitgleich abgehaltenen Referendum stimmten am Sonntag nach den Zwischenergebnissen gut 74 Prozent der Wähler für die Einführung eines Mehrheitswahlrechts. Fast 64 Prozent befürworteten eine strengere Wahlpflicht als die jetzt geltende.

Gut 75 Prozent stimmten für eine drastische Verringerung der staatlichen Subventionen für die Parteien. Es ist aber noch unklar, ob das Referendum rechtskräftig ist, da die genaue Wahlbeteiligung noch nicht ermittelt ist.