Bobigny/Paris. Provokationen kannte man von ihm, der einmal erklärte, Frankreichs 35-Stunden-Woche gehöre abgeschafft, und forderte, jeder junge Franzose solle Lust haben, Millionär zu werden - und das als früheres Mitglied der sozialistischen Partei und Regierung. Doch das ist Vergangenheit. Emmanuel Macron hat inzwischen gekündigt und seine eigene Partei "En marche!" ("In Bewegung!") gegründet. Und wagte gestern seine bisher größte Provokation. "Ich kandidiere als Präsident der Republik, weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir Frankreich auf die Erfolgsspur bringen können", erklärte der 38-jährige Ex-Wirtschaftsminister vor einer Journalistenmenge am Mittwoch.

Jugend, Jobs, Gräben zwischen Paris und Banlieus schließen

Ambitionierte Politiker, die im Mai 2017 François Hollande als Staatschef beerben wollen, gibt es zwar viele - von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy über die einstigen Premierminister Alain Juppé und François Fillon bis zum aktuellen Regierungschef Manuel Valls, falls Hollande nicht wieder antritt. Doch durch den Inhalt, Ort und Zeitpunkt seiner Ankündigung hebt sich Macron von den anderen Bewerbern ab. Eine "demokratische Revolution" beschwor er, der sich pro-europäisch, sozial-liberal, weder links- noch rechtsstehend positioniert. Frankreichs Politik werde schon zu lange "von immer denselben Leuten" bestimmt: "Doch es sind ihre Modelle, ihre Rezepte, die gescheitert sind - nicht unser Land. Daher kommt die Trennung zwischen Volk und Regierung", erklärte der junge Politiker, der die Wahl von Donald Trump in den USA als Symptom für die "Notwendigkeit eines Wechsels" gedeutet hatte - und als Beweis dafür, dass "nichts im Voraus geschrieben ist".

Indem er zur Pressekonferenz in ein Lehrlings-Ausbildungszentrum im Pariser Vorort Bobigny einlud, unterstrich Macron seine Prioritäten: die Jugend, die Schaffung von Jobs, aber auch die Überwindung der Gräben zwischen benachteiligten Banlieues und elitärer Hauptstadt. Zudem wählte er seinen Moment ebenso überraschend wie geschickt: An diesem und dem darauffolgenden Sonntag küren die konservativen Republikaner ihren Präsidentschaftskandidaten. Es sieht nach einem Duell zwischen Sarkozy und Juppé aus - und auch Linkswähler könnten versucht sein, für den 71-jährigen Juppé zu stimmen, nur um Sarkozy zu verhindern. Ihnen verspricht Macron eine bessere Alternative. Umfragen sehen den Einzug des konservativen Kandidaten und der Rechtspopulistin Marine Le Pen in die Stichwahl voraus, da die Sozialisten chancenlos erscheinen.

Der "Mozart im Élysée"
stellte sich noch keiner Wahl

Mit seinem Alleingang hat Macron seinen einstigen Mentor Hollande tief enttäuscht, der ihn 2012 zum Wirtschaftsberater und 2014 zum Wirtschaftsminister machte. Plötzlich im Rampenlicht, wurde der smarte Macron zum Medien- und Umfragestar. "Mozart im Élysée" nannte man den talentierten Klavierspieler. Er steht vor allem für ein Liberalisierungsgesetz, das unter anderem den Fernlinienbusverkehr öffnete und die Sonntagsarbeitszeiten lockerte. Gerne, das ließ er erkennen, wäre er viel weiter gegangen und plädierte für mehr politischen Mut. Im April lancierte er in seiner nordfranzösischen Heimatstadt Amiens die Bewegung "En marche!", die nicht zufällig seine Initialen trägt und heute mehr als 93.000 Anhänger zählt. Im August trat er als Minister zurück. Ehrenamtliche halfen ihm, auf Basis einer großen Tür-zu-Tür-Befragung eine "Diagnose" zu erstellen über ein Land, das sein Potenzial nicht nutze und in der Angst erstarrt sei, in einer globalisierten Welt den Anschluss zu verlieren. Dem stellt Macron Optimismus entgegen und sein leidenschaftliches Plädoyer für Innovation und Investitionen.

Doch hat er Chancen? Meinungsforscher Jean-Daniel Lévy ist skeptisch. "Macron hat keine große Partei hinter sich und ihm fehlt die regionale Verankerung im Land." Auch seien bisherige Versuche gescheitert, Frankreichs Links-Rechts-Schema zu durchbrechen - nur der rechtsnationale Front National konnte sich zu einer starken dritten Kraft entwickeln.

Zwar hat Macron Unterstützung von Wirtschaftsvertretern sowie des deutsch-französischen Grünen Daniel Cohn-Bendit. Doch viele Sozialisten verabscheuen ihn für seine liberalen Thesen und seine Arbeit als Investmentbanker für die Privatbank Rothschild & Cie, bevor er in die Politik eintrat. Noch nie hat er sich einer Wahl gestellt, durchlief aber nach einem Philosophiestudium renommierte Elitehochschulen. Noch als Schüler eines Jesuitenkollegs verliebte Macron sich in seine damalige Lehrerin, musste gar die Schule wechseln - und heiratete sie später. Stolz zeigt er sich heute an der Seite der 24 Jahre älteren Frau, die drei Kinder und auch bereits Enkel in die Ehe mitbringt. Auch privat bewies er also Vorliebe für ungewöhnliche Wege.