London. (is/reu/apa) Die führerlose Ära der Ukip ist beendet. Nach monatelangen innerparteilichen Machtkämpfen hat Großbritanniens rechtsnationalistische Anti-EU-Partei seit Montag wieder einen Vorsitzenden. Der EU-Abgeordnete Paul Nuttall, der am morgigen Mittwoch 40 wird, tritt die Nachfolge von Nigel Farage an, dessen überraschender Rücktritt von der Parteispitze unmittelbar nach dem Brexit-Votum im Juni die Partei an den Rande der Selbstzerfleischung führte.

Mitte September wurde Diane James zur neuen Parteichefin gewählt, sie warf aber nach nur 18 Tagen aus "privaten und beruflichen Gründen" das Handtuch, danach prügelten sich zwei EU-Abgeordnete im Straßburger Parlament um den wieder freigewordenen Posten. Schließlich setzte sich Nuttal, der noch im September angekündigt hatte, als Parteichef nicht zur Verfügung zu stehen, in einer zweiwöchigen parteiinternen Abstimmung gegen die Ex-Vizeparteichefin Suzanne Evans und den Ex-Soldaten John Rees-Evans durch. Großen Rückhalt bei den Rechtspopulisten genießt aber auch Nuttall nicht: Nicht einmal zwei Drittel - 62,6 Prozent - stimmten für den bisherigen Parteivize.

Nuttall rief die Partei denn auch zur Einheit und Geschlossenheit auf. "Ukip hat eine rosige Zukunft, aber dazu braucht die Partei Einigkeit", rief er jubelnden Anhängern am Montag in London zu. Zugleich machte er klar, dass die Partei künftig vor allem unter enttäuschten Labour-Anhängern Wählerstimmen suchen sollte. "Ich möchte die Labour Party ersetzen und Ukip zur Stimme des patriotischen Großbritannien machen."

Unter Farage, einem Fan von Todesstrafe und Fuchstreibjagd, war die Ukip zur drittstärksten Partei Großbritanniens aufgestiegen: Bei der Parlamentswahl im vergangenen Jahr errang sie mit ihrer europafeindlichen Rhetorik 12,6 Prozent. Farages größter politischer Erfolg folgte im Juni dieses Jahres, als die Briten mehrheitlich für den EU-Austritt stimmten. Er hatte mit seiner untergriffig und aggressiv geführten Brexit-Kampagne viel zu dem Ergebnis beigetragen. Dass sich der Langzeitvorsitzende gleich aus dem Staub machte, als die Brexit-Befürworter die schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen zu realisieren begannen, hatte viele Sympathisanten irritiert. Auch die Zahl der Ukip-Abgeordneten im EU-Parlament schrumpfte durch Parteiaustritte von 24 auf 20. Nuttall sitzt ebenfalls seit 2009 im Europaparlament, wo er sich vor allem durch Faul- und Abwesenheit bei Sitzungen einen Namen machte.

Der neue Ukip-Chef muss nun eine neue Mission für die Partei formulieren, um sie nach dem Brexit vor der Bedeutungslosigkeit zu bewahren. Außerdem wird er sich mit dem Befund eines externen Prüfberichts auseinandersetzen müssen, dass die Partei vor der Parlamentswahl und dem Brexit-Referendum regelwidrig neun Umfragen mit EU-Geldern in Höhe von gut 500.000 Euro finanzierte. Die von Ukip dominierte Brüsseler Allianz für Direkte Demokratie in Europa (Adde) muss deswegen rund 172.000 Euro zurückzahlen. Die britische Wahlkommission leitete überdies eine eigene Untersuchung gegen Ukip wegen eines möglichen Verstoßes gegen das britische Wahlgesetz ein. Die Partei hat ohnehin Geldsorgen. Die Einnahmen der Partei sanken laut Wahlkommission zwischen 1. Juli und 30. September im Vergleich zum vorherigen Quartal um 97 Prozent von 1,25 Millionen Pfund auf knapp 43.000 Pfund.