Paris. Wieder einmal füllt Bernard Cazeneuve eine Lücke. Der 53-jährige war immer dann zur Stelle, wenn Frankreichs Staatschef François Hollande einen plötzlich vakant gewordenen Posten neu besetzen musste. Der Sozialist begann 2012 in Hollandes Kabinett als beigeordneter Europaminister, wurde dann Haushaltsminister, übernahm den Posten des Innenministers als Manuel Valls zum Regierungschef aufstieg und übernimmt jetzt den Premierminister.

Als "Schweizer Taschenmesser" wird der Politiker wegen seiner universellen Einsatzfähigkeit halb spöttisch, halb bewundernd bezeichnet. Das "Taschenmesser", das den zurückgetretenen Premier Valls ersetzt, wird wohl nur rund ein halbes Jahr im Amt sein, bis zur Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr. Es wäre die kürzeste Amtszeit eines Premierministers in Frankreichs jüngerer Geschichte. Doch den Hollande-Vertrauten dürfte das wenig interessieren. In allen Ministerämtern arbeitete er geräuschlos und loyal. Ein großes Aufheben um seine Person hat er nie gemacht.

Die Franzosen beeindruckte Cazeneuve während der Anschlagsserie, die Frankreich ab Anfang 2015 traf, mit seiner unerschütterlichen Ruhe. Nüchtern, sachlich, präzise wandte sich der Innenminister an die Öffentlichkeit, mit langen, geschliffenen Sätzen. Der etwas altmodisch wirkende Politiker, der gerne Anzüge mit Einstecktuch trägt, wurde als unaufgeregter Krisenmanager gepriesen. Dabei kann der Hobby-Rosenzüchter hinter verschlossenen Türen auch laut werden. Seine Wutanfälle sind legendär. Als nach dem Pariser Anschlag letztes Jahr Toten Streitereien zwischen verschiedenen Polizeieinheiten ausbrachen - die Presse sprach gar von einem "Krieg der Polizei" -, schlug Cazeneuve auf den Tisch: "Damit das allen klar ist: Wenn es um die Sicherheit der Franzosen geht, entscheide ich!"

Zu harten Worten griff Cazeneuve auch in diesem Sommer: Nach dem Attentat von Nizza im Juli brach ein erbitterter Streit über die Sicherheitsvorkehrungen am Anschlagstag aus. Den Behörden wurden falsche Angaben und Vertuschungsversuche vorgeworfen, in der Opposition wurden Rücktrittsforderungen laut. Cazeneuve sprach von einer "niederträchtigen Kampagne" gegen ihn, von "Lügen" und "niederen politischen Manövern".

Einen Rücktritt lehnte der gelernte Anwalt vehement ab: "Man zieht sich nicht aus dem Kampf gegen den Terrorismus und für die Republik zurück - man führt ihn bis zum Ende."

Doch nicht nur der Anti-Terror-Kampf hielt den Innenminister in Atem: Cazeneuve war auch zuständig für den Umgang mit der Flüchtlingskrise. Zudem bekam er es zuletzt mit wütenden Polizisten zu tun, die nach einer Molotowcocktail-Attacke gegen Kollegen bessere Ausrüstung und Arbeitsbedingungen forderten.

"Er hat geballt das abbekommen, was seine Vorgänger über 50 Jahre zusammen hinnehmen mussten", sagt ein Polizeigewerkschafter anerkennend. Als Innenminister sei Cazeneuve stets "hart in der Sache, aber fair" gewesen.

Jetzt also Premierminister. Mit Cazeneuve hat Hollande einen engen Vertrauten zum Regierungschef gemacht, auf den er sich stets verlassen konnte - und der jetzt die Aufgabe hat, die letzten Amtsmonate des Präsidenten möglichst reibungslos über die Bühne zu bringen.