Brüssel/Ankara. Weiter verhandeln oder nicht? Die Debatte um die Fortsetzung der Gespräche über einen EU-Beitritt der Türkei verschärft sich. Bisher hat sich lediglich das EU-Parlament in einer Resolution dafür ausgesprochen, mit einem Einfrieren der Verhandlungen auf die jüngsten Entwicklungen in dem Kandidatenland zu reagieren. Denn dort folgt nach dem gescheiterten Putschversuch im Sommer eine Welle von Entlassungen und Verhaftungen auf die andere, gehen die konservative AKP-Regierung und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hart gegen Journalisten, Oppositionelle und andere Kritiker vor, reißen Spekulationen über die Wiedereinführung der Todesstrafe nicht ab. Hinzu kommen Erdogans Pläne, seine Macht zu festigen und mittels einer Verfassungsänderung ein Präsidialsystem zu etablieren.

Die EU hat sich jedoch bisher auf Mahnungen und Stellungnahmen voller Besorgnis beschränkt. Ein Stopp der Beitrittsverhandlungen ist genauso wenig in Sicht wie etwa mögliche ökonomische Sanktionen. Die Forderung der Europa-Abgeordneten bindet die anderen EU-Institutionen nicht, und die EU-Kommission, die ein Einfrieren der Gespräche empfehlen könnte, weiß um den Widerstand in den Mitgliedstaaten.

Dennoch möchte nun Österreich ein politisches Signal setzen. Einer Erklärung der Außenminister, die ihr Treffen in Brüssel am heutigen Dienstag fortsetzen, will es nicht zustimmen, wenn sich in dem Papier nicht kritischere Worte für die Türkei finden. Der österreichische Ressortleiter Sebastian Kurz begründet es mit der Notwendigkeit, auf die Vorgänge mit mehr als mahnenden Worten zu reagieren. "In den vergangenen Jahren hat sich die Türkei von der EU entfernt", befand Kurz: "Und innerhalb der letzten Monate hat diese Entwicklung an Dramatik und Tempo gewonnen." Wenn eine Reaktion darauf im Text der Außenminister ausbleibe, "kann ich den nicht mittragen", betonte der ÖVP-Politiker. Da das Schlussdokument der Ministersitzung einstimmig anzunehmen ist, könnte es sein, dass die Politiker ohne diese Erklärung auseinandergehen. Das wiederum könnte den Druck auf die Staats- und Regierungschefs erhöhen, sich bei ihrem Gipfeltreffen am Donnerstag mit dem Thema eingehender zu befassen.

"Nicht verantwortungsvoll"


Wenn dabei Bundeskanzler Christian Kern ebenfalls für eine Aussetzung der Beitrittsverhandlungen plädiert, würde das seine Amtskollegen nicht überraschen. Dafür hat der Sozialdemokrat bereits vor einigen Monaten geworben. Offene Unterstützung erhielt er dafür aber nicht, und auch Kurz kann derzeit nur auf wenig Rückendeckung verweisen. Abgesehen von den Niederlanden und Bulgarien will kaum ein Land offiziell die Gespräche mit der Türkei suspendieren - zumal diese sowieso nur stockend laufen und ein Teil davon wegen des Zypern-Konflikts überhaupt blockiert ist. Die Türkei erkennt - anders als der Rest der Welt - nur die Türkische Nordrepublik Zypern an, wo tausende türkische Soldaten stationiert sind. Um eine Wiedervereinigung der geteilten Insel wird seit Jahren unter Vermittlung der Vereinten Nationen gerungen.