Berlin. Der deutsche Bundespräsident ist tief bewegt. Am Mittwochvormittag steht er bei null Grad in der Kälte vor dem Berliner Virchow-Klinikum, um ihn herum Ärzte des Spitals. Auch hier werden Menschen versorgt, die der Anschlag am Montagabend vor der Gedächtniskirche getroffen hat.

Joachim Gauck besuchte Verletzte, darunter auch einen Helfer. "Der Mann wurde verletzt, weil er geholfen hat. Wäre er am Rand stehen geblieben und hätte Handy-Aufnahmen gemacht, wäre ihm nichts passiert", sagt Gauck betroffen. "Er ist in das Chaos hineingestürzt, hat links und rechts Menschen sterben sehen und hat geholfen." Während dieser Hilfe habe ihn ein herabstürzender Balken schwer verletzt. Mit seinem Besuch wolle er die Betroffenen spüren lassen, dass sie nicht alleine seien und Menschen im ganzen Land auf ihre Genesung hofften, sagt Gauck.

Vier Patienten werden im Virchow-Klinikum behandelt. Schwere Verletzungen der unteren Gliedmaßen und im Beckenbereich seien die häufigsten Verletzungen, berichtet der ärztliche Direktor, Ulrich Frei. "Wir haben den Eindruck, dass die Patienten sehr viel psychologische Hilfe brauchen." Sie würden am zweiten Tag nach dem Anschlag mit dem Ereignis ringen, das plötzlich und schlicht unverständlich da gewesen sei.

Wichtiger Faktor: Zeit

"Es wird noch lange dauern, bis jene, die mit der Psyche der Menschen arbeiten, ähnliche Erfolge sehen wie Chirurgen", sagt Gauck. "Das ist bei traumatisierten Menschen sicher so", bestätigt ein Psychologe und Therapeut, der in der psychiatrischen Abteilung eines großen Berliner Spitals arbeitet. "Fachlich gesehen braucht es Zeit, um zu sagen, ob es sich um ein Trauma handelt oder eine akute Belastungsreaktion." Wenn sich nach einigen Wochen immer noch deutliche Beschwerden zeigen, spreche man von einer "posttraumatischen Belastungsstörung". Dazu zählen quälende Erinnerungen, Albträume, Unruhe, emotionale Taubheit, innere Leere, Hilflosigkeit, Ängste, Schreckhaftigkeit, Vermeidungsverhalten. Flashbacks sind möglich - plötzlich einschießende innere Bilder, die auch durch Kleinigkeiten ausgelöst werden können, durch den Anblick eines Lkw zum Beispiel, eines Christbaums oder durch den Geruch von Glühwein oder Weihnachtskeksen.

Klinik-Teams üben Ernstfall

Mehr als 20 Berliner Krankenhäuser nahmen am Montagabend die Verletzten auf und kümmerten sich um die Angehörigen. Ärzte und Psychologen, die eigentlich schon frei hatten, wurden wieder in die Spitäler gerufen. Die Teams der psychiatrischen Abteilungen stellten in Windeseile auch Tee, Kaffee und Beruhigungsmittel für Betroffene bereit.