Grenzkontrollen könnten psychologischen Effekt haben

FitzGerald befürchtet, dass Großbritannien Nordirland verwaisen lässt. Dass es Personenkontrollen an der Grenze zu Irland einführen könnte: "Verlassen sie die Zollunion, dann gelten die Kontrollen auch für Waren. Und dann gibt es sicher wieder Grenzposten." Wie viele andere argumentiert auch FitzGerald mit den psychologischen Auswirkungen einer "harten Grenze" zwischen Irland und dem Norden. Die Rückkehr von Kontrollen inklusive bewaffnetem Personal und Wachtürmen würden alte Emotionen wecken, so die Befürchtung. "In den 1970ern wurden regelmäßig Grenzposten in die Luft gejagt. Kommen sie nun zurück, dann wächst der Druck auf jene, die dem Terrorismus eigentlich den Rücken gekehrt haben", sagt FitzGerald. Manche Bürger könnten dann wieder mit den Dissidenten sympathisieren. Und diese warteten nur auf einen Grund für eine neue bewaffnete Kampagne.

Einer, der das ganz anders sieht, ist Anthony McIntyre. Der Ex-IRA-Mann hat die republikanische Bewegung mit dem Karfreitagsankommen von 1998 verlassen. Während der 1980er und 1990er saß er für 18 Jahre wegen Mordes im berühmten nordirischen Gefängnis Long Kesh. Nach seiner Freilassung machte er sein Doktorat in Politikwissenschaften, heute gilt er als einer der prominentesten Kritiker der nationalistischen Partei Sinn Féin. Doch auch mit den sogenannten Dissidenten, den Mitgliedern der IRA, geht er nicht zimperlich um. Sie seien vom britischen Inlandsgeheimdienst "infiltriert wie Schweizer Käse". Den Brexit hätten sie sich ohnehin gewünscht - "mehr als Boris Johnson".

"IRA hat längst
an Romantik verloren"

Ob McIntyre an ein Wiederaufflammen des alten Konflikts glaubt? "Die Wahrscheinlichkeit dafür ist geringer, als dass die Afroamerikaner nach Afrika zurückkehren", sagt der Journalist. Doch was ist mit den IRA-Splittergruppen? "Die Dissidenten", sagt McIntyre, "brauchen doch keinen Brexit für ihre Gewaltkampagnen."

Derek sieht das ähnlich. Der Dubliner lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Belfast. Auch er glaubt nicht an einen neuen Konflikt: "Die IRA hat doch längst an Romantik verloren." Wie viele bessergestellte Iren und katholische Nordiren findet Derek die Dissidenten lächerlich. "Die spinnen komplett. Bei der letzten Gay Parade haben sie die Leute allen Ernstes ausgebuht. Dabei nehmen an der Parade mittlerweile sogar Familien mit ihren Kindern teil." Die Dissidenten - egal von welcher Splittergruppe - haben sich längst von der Mitte der Gesellschaft entfernt. Die Menschen haben genug mit der schlechten Wirtschaft, mit fehlenden Arbeitsplätzen und Wohnraum zu kämpfen. Eine neue IRA-Kampagne ist wohl das Letzte, was sie brauchen können.