Vor zwei Jahren ermordeten zwei Islamisten bekannte Zeichner der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo". Ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit - und der Auftakt einer beispiellosen Terrorserie. Doch "Charlie" ist nicht in die Knie gegangen.

Rechts die erste deutsche Ausgabe des Magazins. - © Charlie Hebdo
Rechts die erste deutsche Ausgabe des Magazins. - © Charlie Hebdo

"Wir haben Charlie Hebdo getötet", skandierten die beiden Islamisten, nachdem sie ein Blutbad in den Pariser Redaktionsräumen der Satirezeitschrift angerichtet hatten. Doch damit haben die Terroristen sich geirrt. Das Symbol für schonungslose Meinungsfreiheit hat überlebt, das Team des französischen Satiremagazins den rebellischen Geist des Blatts bewahrt. Am Samstag jährt sich der Anschlag zum zweiten Mal, und "Charlie" provoziert weiter - seit kurzem auch auf Deutsch.

Am 7. Jänner 2015 waren die beiden Islamisten Cherif und Said Kouachi in die Redaktion eingedrungen. Sie ermordeten an jenem Tag zwölf Menschen, darunter die bekannten Zeichner Stephane Charbonnier (Charb), Jean Cabut (Cabu) und Georges Wolinski. Ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit - und der Auftakt zu einer für Frankreich beispiellosen Terrorserie, die das Land verändert hat. Eine Krise, deren langfristigen politischen Auswirkungen noch längst nicht klar sind.

Im Zuge der immer neuen Schreckensmeldungen ist der Anschlag auf "Charlie Hebdo" fast etwas in den Hintergrund getreten. Wenige Tage nach dem Angriff gingen noch Millionen Menschen auf die Straße, um ihre Solidarität auszudrücken. "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie) war das Wort der Stunde, das Land rückte zusammen. Doch nach der Terrornacht von Paris, spätestens aber nach dem Anschlag von Nizza im vergangenen Sommer, bekam die vielbeschworene nationale Einheit Risse. Die richtige Strategie im Kampf gegen den Terror ist im laufenden Präsidentschaftswahlkampf ein zentraler Streitpunkt.

Auch für "Charlie Hebdo" ist der Terror damit ein Dauerthema. Nach dem Anschlag von Berlin titelte die neue deutsche Ausgabe mit der Zeichnung eines Lebkuchenhauses, aus dem Kanonenrohre ragten. "Sie werden unsere Art zu leben nicht verändern", so der Text dazu. "Die Stimmung bei "Charlie" war sehr angespannt und gleichzeitig bedrückend", sagte die deutsche Chefredakteurin Minka Schneider dem Sender n-tv. Es habe das Bedürfnis gegeben, etwas dazu zu machen.

In der letzten Ausgabe des Jahres 2016 rechnete der publizistische Leiter Riss - mit bürgerlichem Namen Laurent Sourisseau - mit Politikern ab, die nach der Flucht des mutmaßlichen Berliner Attentäters Anis Amri nach Grenzkontrollen innerhalb Europas riefen. "Krieg gegen Terroristen gewinnt man nicht mit Grenzen und Kontrollen. Grenzen sind den Terroristen scheißegal", schrieb er.

Die Redaktion war nach dem Anschlag umgezogen und arbeitet in streng geschützten Räumen, deren Adresse geheim gehalten wird. Riss und andere stehen unter Polizeischutz. "Nicht nur ich, alle bei der Zeitung leben in der Sorge, dass wieder etwas passieren könnte", sagte Riss vor Kurzem in einem ARD-Interview. "Wir dürfen keine Risiken eingehen, deshalb diese Sicherheitsmaßnahmen. Es stimmt, nichts ist mehr so wie es mal war." Doch trotz des Traumas, des Verlusts wichtiger Kollegen und des zeitweisen internen Gerangels um den Umgang mit Millionen-Einnahmen nach dem Anschlag hat das Blatt seinen frechen Ton bewahrt, der keine Tabus kennt.

Der schwarze Humor sorgt auch immer wieder für Kontroversen, so zuletzt etwa die als respektlos empfundenen Zeichnungen über Opfer eines Erdbebens in Italien. Oder Veröffentlichungen zum Absturz des russischen Militärflugzeuges über dem Schwarzen Meer: Die Zeichnungen seien entwürdigend, empörte sich das Verteidigungsministerium in Moskau. Neben dem Bild eines abstürzenden Flugzeugs hatte es etwa geheißen: "Schlechte Nachricht... Putin war nicht dabei".

Seit Anfang Dezember können Leser in Deutschland den Stil von "Charlie" auch ohne Sprachbarriere entdecken. Und dabei feststellen, dass das Blatt neben den bekannten Karikaturen auch lange Texte enthält, mit klarem links-ökologischem Standpunkt. Die Autoren blicken nun auch häufiger nach Deutschland, besuchten etwa vor dem Jahrestag der Kölner Silvesternacht die Domstadt und lieferte eine gezeichnete Reportage aus einer "Stadt ohne Angst".

Ob das Blatt mit seiner ersten Auslands-Ausgabe auch in Deutschland eine Fangemeinde findet, muss sich zeigen. Bisher will das Magazin noch keine Verkaufszahlen veröffentlichen, wie eine Sprecherin sagte.