Paris. Eben galt er noch als aussichtsreichster Kandidat bei der französischen Präsidentschaftswahl in drei Monaten. Sein Image als korrekter Saubermann, der für Recht und Ordnung sorgen werde, nutzte ihm dabei. Doch nun gerät François Fillon zunehmend unter Druck, seit die Satire- und Enthüllungszeitschrift "Le Canard Enchaîné" berichtet hat, dass seine Frau Penelope über acht Jahre hinweg ein Gehalt von insgesamt 500.000 Euro für ihre Tätigkeit als parlamentarische Mitarbeiterin verdient hat - ohne, dass diese Arbeit zunächst belegt werden konnte.

Dem Bericht zufolge erhielt sie monatlich zwischen 3900 und 7900 Euro zunächst von ihrem Mann und dann, als er Minister wurde, von dessen Nachrücker im Parlament. Schon ist die Rede von einem "Penelopegate". Weil die Justiz wegen des Vorwurfs, sie habe ungerechtfertigt hohe Summen aus der Staatskasse bezogen, bereits Vorermittlungen eingeleitet hat, konnte es Fillon nicht mehr nur dabei belassen, alles als "Stinkbomben" abzutun, die der politische Gegner nun einmal im Wahlkampf abwerfe. Noch gestern Nachmittag brachte Fillons Anwalt eine Reihe von Dokumenten zur Staatsanwaltschaft, die als "Beweise für geleistete Arbeit" dienen und alle Zweifel ausräumen sollten, versicherte Bruno Retailleau, Fraktionschef der Republikaner im Senat und ein Vertrauter Fillons. Letzterer erklärte, er wolle so schnell wie möglich von den Ermittlern verhört werden. Zuvor hatte der 62-Jährige die Anschuldigungen gegen Penelope Fillon als "frauenfeindlich" bezeichnet: "Weil sie meine Frau ist, soll sie nicht das Recht haben zu arbeiten?" Abgeordneten der Nationalversammlung stehen monatlich 9561 Euro zur Verfügung, um bis zu fünf Mitarbeiter zu entlohnen. Die Beschäftigung von Familienmitgliedern ist dabei nicht unüblich und durchaus legal - unter der Bedingung, dass diese tatsächlich arbeiten.

Unsichtbare Begegnungen

Doch selbst unter konservativen Parteifreunden erinnert sich kaum jemand daran, der zurückhaltenden Madame Fillon in den Parlamentshallen je begegnet zu sein. Auch in seinem Wahlkreis in der westfranzösischen Region Sarthe machte sich die gebürtige Waliserin rar. Lokaljournalisten erinnern sich an keinerlei Kontakt; in ihren seltenen Interviews stellte sich die 60-Jährige selbst als Hausfrau, fünffache Mutter und gar als "Bäuerin" ohne jedes politische Engagement dar. Darüber hinaus hatte sie der Herausgeber der Zeitschrift "Revue des deux mondes", ein Freund Fillons, zwischen 2012 und 2013 engagiert - doch der Redaktionsleiter fiel nun aus allen Wolken, als er davon erfuhr - denn auch er hatte sie nie getroffen. Dabei hatte Penelope Fillon für das Verfassen von drei kurzen Literaturkritiken unter einem Pseudonym insgesamt 100.000 Euro erhalten.

Der Skandal kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt für den Konservativen, dessen Wahlkampagne ohnehin ins Stocken geraten ist. Fillons Umfragewerte fielen bereits auf 23 bis 25 Prozent. Um seine internationale Statur hervorzuheben, traf er am Montag in Berlin Bundeskanzlerin Angela Merkel; an diesem Sonntag - zeitgleich zu den Vorwahlen der Sozialisten - steht ein großer Wahlkampfauftritt in Paris an.

Doch wie soll ausgerechnet der Mann, der seine Ehefrau auf Kosten der Steuerzahler großzügig und offenbar ohne Gegenleistung entlohnen ließ, glaubwürdig mit einem Programm auftreten, das Sparanstrengungen und die massive Kürzung von Beamtenstellen vorsieht? Im innerparteilichen Rennen um die Präsidentschaftskandidatur konnte Fillon mit der Kritik an den "gut etablierten Kasten" und seinem Ruf als integrer Politiker gegenüber seinen Rivalen punkten - Ex- Premierminister Alain Juppé wurde einst in einer Korruptionsaffäre verurteilt, Ex-Präsident Nicolas Sarkozy ist in diverse Skandale verstrickt, in denen die Justiz ermittelt. "Man kann Frankreich nicht führen, wenn man nicht untadelig ist", erklärte Fillon damals und setzte eine Anspielung auf das große Vorbild seiner Partei, den einstigen Präsidenten Charles de Gaulle, hinzu: "Wer hätte sich ein laufendes Ermittlungsverfahren gegen den General de Gaulle vorstellen können?"

Beim Fernsehduell der sozialistischen Präsidentschaftsanwärter Benoît Hamon und Manuel Valls am Mittwochabend griff Valls die Formulierung auf ironische Weise auf: "Wer hätte sich vorstellen können, dass De Gaulle (seine Ehefrau) Yvonne beschäftigt?" Beide Bewerber forderten, Parlamentariern die Anstellung naher Verwandter zu verbieten.

Den Sozialisten verhilft die Affäre zwar zu unverhofftem Aufwind. Ihre Gewinnchancen bleiben dennoch äußerst gering: Umfragen sehen sie weit abgeschlagen hinter Fillon, Rechtspopulistin Marine Le Pen und dem Ex-Sozialisten Emmanuel Macron. Der junge Wirtschaftsminister profitiert neben Le Pen voraussichtlich am meisten von dem Rückschlag für Fillon - sollte er statt des Konservativen die Stichwahl gegen Le Pen erreichen, wäre der Einzug in den Élysée-Palast in Greifweite.