Rennes. Emeric Salmon sitzt im Bistro "La Paix" und nippt etwas nervös an seinem Kaffee. Er spricht viel und erklärt lange. Eigentlich geht es aber immer nur um die eine Frage: Warum bloß schafft es seine Partei nicht, sich in der westfranzösischen Studentenstadt Rennes durchzusetzen, wenn sie doch im Rest des Landes so große Erfolge feiert?

Sein ganzes Leben lang hat der 43-Jährige die rechtsextreme Front National (FN) gewählt, zuerst den Vater Jean-Marie Le Pen, dann die Tochter Marine. Schwer zu glauben, hört man ihm zu: Ruhig, differenziert und selbstreflektiert, weit weg von jener schrillen Rhetorik, die Europas Rechte sonst auszeichnet. Dass gerade der Informatikingenieur heute FN-Chef in Rennes ist, sagt viel über die 320.000-Einwohner-Stadt aus.

Eigenständige Identität

Rennes liegt am westlichsten Ende des Landes, in der Bretagne, die erst seit 1532 Teil Frankreichs ist und sich bis heute eine eigenständige kulturelle Identität und Sprache bewahrt hat. Doch dass sich dieser Regionalstolz mit Ablehnung gegenüber Ausländern oder Fremden paart, darauf wartet die Front National bisher vergeblich. "Die Probleme, die wir auf nationaler Ebene anprangern - Immigration, religiöse Gegenkultur -, haben die Region bis vor sehr kurzer Zeit noch nicht gänzlich betroffen", sagt Salmon.

Vielmehr scheint es, als würden die beiden Universitäten, die Rennes Stadttor-gleich umschließen, auch das Denken der Bevölkerung lenken. Zwischen den Naturwissenschaftern und Technikern im Osten und den Sozial-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaftern im Westen bleibt wenig Raum für politischen Rechtspopulismus. Im ersten Durchgang der Departementswahlen im Jahr 2015 kam die Front National in der Stadt lediglich auf rund elf bis zwölf Prozent, während sie landesweit gut ein Viertel der Stimmen erreichte.

Bereits seit Mitte der 1970er Jahre sei Rennes eine "wichtige Bastion der Sozialisten", erklärt Thomas Frinault, der am dortigen Institut für Politikwissenschaften lehrt. Unter der Führung François Mitterands verabschiedete sich die Partei damals vom strikten Antiklerikalismus und Zentralismus, der in der katholischen und stark auf ihre regionale Identität bedachten Bretagne nicht gut angekommen war.

Dass sich die Rechtsextremen bis heute in Rennes so schwertun, hat aber vor allem mit der besonderen Bevölkerungsstruktur zu tun. "Rennes ist keine klassische Industriestadt, wo die Arbeiterklasse scharenweise von den Sozialisten zur Front National wechselte, sondern eine Stadt des Staates", betont Frinault. "Hier gibt eine überdurchschnittlich große Mittelklasse, viele mittelständische Berufe, eine große Anzahl an staatlichen Bediensteten - sie alle wählen tendenziell links." Daher sei die Hauptstadt der Bretagne bis heute eine "terre de mission" - ein Missionsgebiet - für die Rechtsextremen.

Nirgends werden Frinaults Worte deutlicher als im mittelalterlichen Stadtzentrum, wo sich alternative Bars an unabhängige Buchhandlungen reihen, unterbrochen nur von Plakatwänden mit Demoaufrufen. Wenn samstags hier der bekannte "marché des lices" stattfindet, verkaufen libanesische Händler ihre Waren neben Vietnamesen und bretonischen Bauern zu den Klängen von Jazz Manouche. Auch Salmon und seine Parteikollegen nutzen das Großereignis gerne, um Wahlwerbung zu machen: "Manchmal werden wir dabei immer noch beschimpft, aber das ist halt Politik."

Eine, die sich Rennes vor einigen Jahren ganz bewusst als Wohnsitz ausgesucht hat, ist aktuell wohl die bekannteste "Nicht-Politikerin" Frankreichs. Von mehr als 32.000 Menschen wurde Charlotte Marchandise Anfang des Jahres per Internetvorwahl zur Präsidentschaftskandidatin der Zivilgesellschaft ernannt. Die "politisch engagierte Studentenstadt" mit ihrer "guten Lebensqualität" und "sozialen Politik" habe sie angezogen, sagt die Sozialarbeiterin und Gründerin einer Montessori-Schule.

Präsidentenamt abschaffen

Erklärtes Ziel der 42-Jährigen ist es, klassische Berufspolitik so weit wie möglich einzuschränken - das Präsidentenamt will sie gänzlich abschaffen - und die Bürger im Gesetzgebungsprozess zentral zu machen. Umsetzen will sie dies mithilfe der sogenannten "jury citoyen", eine Art Bürgerforum, in dem per Los ausgewählte Franzosen in einem zweijährigen Prozess dem Land eine neue Verfassung geben sollen.

Dass Marchandise tatsächlich das höchste Amt im Staat erobert, ist freilich mehr als unwahrscheinlich. Vielmehr scheint es aktuell sogar so, als würde sie an den notwendigen 500 Unterstützungserklärungen von politischen Mandataren scheitern, die sie bis zum 17. März vorlegen muss. Aber sie hat Bewegung in die politische Landschaft gebracht: Überall in Frankreich sprießen aktuell Bürgerbewegungen aus dem Boden, die Demokratie neu verhandeln wollen.

Aktivisten machen weiter

Eine von ihnen, "Nuit Debout" ("Durchwachte Nacht"), trifft sich wie jeden Freitagabend bei Tee und Bier in der Bar "Quincaillerie générale" in Rennes. Ein paar Minuten entfernt, auf dem zentralen Place de la République, demonstrieren gut hundert Aktivisten den dritten Tag in Folge gegen Polizeigewalt. Spätestens am 23. April, dem Tag der ersten Runde der französischen Präsidentenwahl, will auch "Nuit Debout" wieder zurück auf die Plätze Frankreichs. Diese nahmen sie im Frühling und Sommer 2016 bereits einmal in Besitz, vor allem um gegen die mittlerweile beschlossene Reform des Arbeitsgesetztes zu protestieren. Doch anders als etwa die spanischen Indignados, die den Anstoß zur Gründung der Linkspartei Podemos gaben, blieb "Nuit Debout" großteils folgenlos. Eine verpasste Chance, die die Protestbewegung nun wiedergutmachen will. "Ich habe das Gefühl, es bewegt sich wirklich was im Land", sagt eine Aktivistin. "Die Menschen haben genug davon, von einer korrupten politischen Klasse repräsentiert zu werden und nur alle paar Jahre um ihre Meinung gefragt zu werden."

Auf bessere Zeiten hofft auch FN-Chef Salmon im Bistrot "La Paix". Langsam würden "die Probleme" in Rennes und der Bretagne ankommen. So sei es, nach der von der Regierung verfügten Auflösung des Flüchtlingslagers im nordfranzösischen Calais, zu einem "massiven Anstieg der Immigration" in der Region gekommen. Es handle sich zwar nur um "rund 300 bis 400 Menschen", präzisiert er auf Nachfrage, "aber in kleinen Gemeinden merkt man das sofort". Hinzu käme, dass es in Rennes mittlerweile vier muslimische Gebetszentren gebe und ein fünftes gerade errichtet werde. "Etwas was noch vor einigen Jahren in den bretonischen Städten überhaupt nicht üblich war."

Deshalb ist Salmon davon überzeugt, "dass Marine Le Pen die Präsidentenwahl gewinnt". Doch dafür wird sie auch Rennes brauchen: "Wenn sie hier nur 11 Prozent schafft, dann müsste sie in anderen Städten auf 70 oder 80 Prozent kommen. Dann ist es sicher, dass sie gewinnt", sagt er. Oder umgekehrt: Gerade die Studentenstadt Rennes könne Le Pens Sieg verhindern.