Ein Reporter als Staatsfeind: Yücel muss sich wegen regierungskritischer Berichte verantworten. - © dpa
Ein Reporter als Staatsfeind: Yücel muss sich wegen regierungskritischer Berichte verantworten. - © dpa

Istanbul. Der Fall Deniz Yücel wird zur Staatsaffäre. Nachdem ein Haftrichter in Istanbul am Montag Untersuchungshaft für den Auslandskorrespondenten der deutschen Tageszeitung "Die Welt" anordnete, entwickelt sich die Angelegenheit zur Belastungsprobe für die ohnehin angespannten deutsch-türkischen Beziehungen. Mehrere deutsche Politiker warnten die Türkei davor, das bilaterale Verhältnis weiter zu strapazieren. Der SPD-Außenpolitiker Niels Annen sagte im ZDF: "Die türkische Führung muss wissen: Das ist nicht irgendein Fall, sondern wir werden uns mit allen Möglichkeiten, die uns rechtlich, aber auch politisch zur Verfügung stehen, dafür einsetzen, dass Herr Yücel schnellstmöglich auf freien Fuß gesetzt wird." Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck verurteilte die Inhaftierung. "Uns fehlt das Verständnis", so Gauck. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Sigmar Gabriel reagierten mit scharfen Worten auf das Urteil.

Angehörige, Journalistenkollegen, der deutsche Generalkonsul in der Türkei, Georg Birgelen, und Vertreter der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) hatten am Montag bis spät in die Nacht im Justizpalast von Istanbul-Caglayan auf die Entscheidung der Justiz gewartet. Gegen 23 Uhr nahm ihnen der Haftrichter Mustafa Cakar alle Hoffnungen auf eine Freilassung, als er dem Antrag der Staatsanwaltschaft entsprach und Yücel nach zwei Wochen Polizeigewahrsam direkt in Untersuchungshaft schickte. Derselbe Haftrichter hatte im Oktober schon zehn Journalisten der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" verhaften lassen.

In Wien wurde mit einem Autokorso für die Freilassung von Deniz Yücel demonstriert. Ähnliche Veranstaltungen gab es am Dienstag auch in vielen großen deutschen Städten. - © Moritz Ziegler
In Wien wurde mit einem Autokorso für die Freilassung von Deniz Yücel demonstriert. Ähnliche Veranstaltungen gab es am Dienstag auch in vielen großen deutschen Städten. - © Moritz Ziegler

Yücel wird wegen Datenmissbrauchs, Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung angeklagt - als Belege dienen Artikel, die er im Zeitraum Juni bis September 2015 publizierte. Ein Staatsanwalt hatte den 43-jährigen Korrespondenten am Montag vier Stunden lang vernommen. Bei diesem Verhör ging es unter anderem um ein Interview, das er mit dem Militärchef der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, Cemil Bayik, geführt hatte, und um Berichte über Gefechte in der kurdischen Stadt Cizre, die Yücel "nicht wahrheitsgemäß" dargestellt habe. Außerdem werden ihm zwei Artikel über geleakte E-Mails vorgeworfen, die von Berat Albayrak, Energieminister und Schwiegersohn des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, stammen sollen. Die linksextreme türkische Hackergruppe RedHack hatte die Leaks im Internet veröffentlicht. Darin ging es unter anderem um türkische Ölgeschäfte mit den Kurden im Nordirak.