Paris. Noch klammert sich François Fillon an seine Präsidentschaftskandidatur, doch wirkt er mit jedem Tag verbissener, fast trotzig. Dem Konservativen wird von der Justiz vorgeworfen, seine Frau und zwei seiner Kinder zum Schein beschäftigt zu haben. Seit die berüchtigte Satirezeitung "Le Canard enchaîné" das erste Mal über die Vorwürfe berichtete, geht es Schlag auf Schlag. Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste.

Am Donnerstag wurde die Wohnung, in der Fillon mit seiner Frau Penelope wohnt, von der Polizei gestürmt und Dokumente beschlagnahmt. Am 15. März muss Fillon vor den Ermittlungsrichtern erscheinen, die ihre Untersuchungen zuletzt massiv ausgeweitet haben. Die Eröffnung eines Verfahrens steht im Raum. Es geht um hunderttausende Euro an öffentlichen Geldern, die Fillon unterschlagen haben soll.

Demolierter Kandidat


Der ehemalige Premier weigert sich hartnäckig, seine Ambitionen aufzugeben, auch wenn sich in seiner Partei, den Republikanern, langsam Panik breitmacht. Am Freitag kündigten der Pressesprecher Fillons, Thierry Solere, und sein Wahlkampf-Chef Patrick Stefanini ihren Rücktritt an. Fillon rief seine Anhänger allerdings zum Widerstand auf und setzt auf eine Demonstration seiner Unterstützer am Sonntag in Paris.

Dann wandte sich Ex-Premier Dominique de Villepin von Fillon ab: "Er kann nicht mehr Kandidat sein, weil er keinen inhaltlichen Wahlkampf mehr führen kann", so de Villepin. "Wenn er trotz allem weiter macht, sind wir in einer Sackgasse", warnt die konservative französische Europaabgeordnete Nadine Morano.

"Ihr habt einen Kämpfer vor euch", entgegnet Fillon allen Anfechtungen, "ich habe nicht die Absicht, klein beizugeben." Für ihn handelt es sich um eine Schmutzkübel-Kampagne, er wirft der Justiz "politischen Mord" vor. Die meisten Konservativen haben längst den Glauben verloren, dass sie mit ihrem ramponierten Kandidaten die Wahlen in rund 50 Tagen gewinnen können. Laut Meinungsumfragen käme Fillon beim ersten Wahldurchgang auf den dritten Platz und würde den Einzug in die Stichwahl verpassen. Der frühere Wirtschaftsminister, Emmanuel Macron, der als unabhängiger Kandidat antritt, und die rechtsextreme Front-National-Chefin Marine Le Pen würden das Rennen unter sich ausmachen.

Die Frage, die die Republikaner paralysiert, ist, wer Fillon ersetzen soll: Am Freitag hat sich der konservative Ex-Premier und derzeitige Bürgermeister von Bordeaux, Alain Juppé, überraschend aus der Deckung gewagt und erklärt, er stehe als Ersatzkandidat bereit. Er würde sich bei einem Verzicht Fillons nicht vor der Verantwortung "drücken", hieß es aus Juppés Umfeld. Allerdings stellt der beim Wähler mäßig beliebte Mann zwei Bedingungen: Fillon müsse von sich aus auf seine Kandidatur verzichten und die Konservativen müssten sich geschlossen hinter ihn stellen.

Genau hier hakt es. Fillon hat die Vorwahlen gewonnen und genügend Unterstützungserklärungen gesammelt; er kann zum Verzicht auf seine Kandidatur nicht gezwungen werden. Ein Teil des ehemaligen Fillon-Lagers ist der Ansicht, dass Juppé ihn ersetzen sollte. Unter denen, die blockieren, befindet sich aber der ehemalige französische Staatschef Nicolas Sarkozy. Eine Rolle spielt, dass auch Juppés Weste nicht blütenweiß ist.

Auf in ein neues Zeitalter?


Die Präsidentenwahl 2017 ist an Spannung jedenfalls kaum zu überbieten. Das erste Mal in der Fünften Republik, also nach 1958, scheint es möglich, dass weder ein Sozialist noch ein Republikaner das Rennen macht. Es ist bereits die Rede von einer weiteren Französischen Revolution. Denn immer noch ist der parteiunabhängige Macron der Favorit. Seine Chancen - und die der rechtsextremen Charismatikerin Marine Le Pen steigen, je länger die Konservativen in ihrem Dilemma gefangen sind.