- © Peter M. Hoffmann
© Peter M. Hoffmann

Und genau solche Sakkos - man kann sie heutzutage in billigen Mod-Zubehör-Shops kaufen - trugen heuer zwei Frauen im besten Alter bei einer Konferenz der schottischen Konservativen in Glasgow zur Feier des bevorstehenden Brexit, gänzlich ohne Ironie.

Was in der Zwischenzeit passierte, bedarf nachträglich einer kritischen Betrachtung. Im Juli 2016 wagte Bob Stanley, Musiker (als Teil der Band Saint Etienne) und Autor der Popgeschichte "Yeah Yeah Yeah - The Story of Modern Pop" eine erste These, deren deutsche Übersetzung in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschien: "Es liegt nah, jetzt beim Gedanken an die Neunzigerjahre nostalgisch zu werden, oder beim Gedanken daran, wie die europäische Integration das Lebensgefühl der britischen Popmusik verändert hat, besonders im Genre der Dance Music. (...) Die angloamerikanische Dominanz der populären Musik war an ihr Ende gekommen. In dem Moment aber, als dieser neue, grenzüberschreitende Spirit des Internationalismus immer mächtiger wurde, kam dem Fortschritt der aufgeblasene Sound des sogenannten Britpop in die Quere." Stanley ortet in der damaligen Euphorie die Selbsttäuschung, "die beste Popmusik der Welt käme also immer noch aus Großbritannien und sei immer noch das Maß aller Dinge".

Ähnlich wie einst der Punk als asoziale Gegenthese zum als Heuchelei entlarvten Gemeinschaftsgeist der Hippies unbeabsichtigt die Vorhut zum aggressiv individualistischen Thatcherismus gab, erscheint Britpop in Stanleys Darstellung als ein kultureller Probegalopp der Brexit-Ära.

Als einer, der zu jener Zeit, angestachelt vom Aufblühen der dortigen Gitarren-Pop-Szene, selbst nach London zog, teile ich Stanleys Erinnerung. Eine merkliche, zunächst als Aufbäumen gegen die US-amerikanische Kultur-Hegemonie getarnte, chauvinistische Tendenz zog sich durch die Interviews, die ich damals als junger Radio-Reporter mit intelligenten Musikern der Zeit wie Damon Albarn oder Jarvis Cocker führte.

Little Britain vs. Eurotrash

Parallel dazu bürgerte sich die Vorsilbe "Brit" als Kürzel für "jung und frisch" in allen Genres ein. Die Kunst hatte ihre "Brit Art", die Literatur ihre "Brit Lit", der Film seine "Brit Flicks". Die Protagonisten dieser Szenen, von Sarah Lucas und Irvine Welsh bis Danny Boyle, waren allesamt progressive Geister, aber in der medialen Aufbereitung ihres Schaffens klang eine zunächst noch spielerische Arroganz gegenüber dem Rest der Welt durch. Von 1993 bis 1997 zeigte der Fernsehsender Channel Four eine erfolgreiche Serie namens "Eurotrash", die sich ganz der humorigen Verarschung peinlicher bis perverser Figuren aus dem kontinentalen Kabelfernsehen widmete. In den Nullerjahren dann thematisierte die Comedy-Serie "Little Britain" den zu jener Zeit bereits merklich erhärteten neuen nationalen Kleingeist. "Britain, Britain, Britain. Land technologischer Errungenschaften", tönte das die Brexit-Propaganda der Leave-Kampagne 2016 spukhaft vorausahnende Voiceover der Titelsequenz, "Wir haben seit über zehn Jahren Fließwasser, einen U-Bahn-Tunnel, der uns mit Peru verbindet, und wir haben die Katze erfunden. Aber keine dieser Innovationen wäre möglich gewesen, wäre da nicht das Volk Britanniens, und es sind diese Menschen, auf die wir heute blicken: Let’s do it!"

Doch bei aller Selbstironie war einer der Tabu-Brüche von "Little Britain" auch die Einführung einer nymphomanischen osteuropäischen Einwanderin als moderne Lachfigur im Zeitalter der EU-Osterweitung. Angesichts der täglichen fremdenfeindlichen Aggression, mit der Osteuropäer seit dem Brexit-Referendum in Britannien leben, wirken diese Sketches rückblickend nicht mehr ganz so amüsant.

"Ein Trump müsste her!"

An der Wurzel jedes nationalistischen Fiebers steckt immer ein Minderwertigkeitsgefühl, und die Schmach eines ehemaligen Weltreichs, von der Geschichte zu einer von vielen europäischen Nationen degradiert zu werden, trifft sich in Brexit-Britannien mit der bitteren Erfahrung des Ausverkaufs der britischen Industrie an ausländische Asset Stripper - alles ferngesteuert von einem Oberdämonen namens Brüssel.

Vor ein paar Wochen beschuldigte ein Kolumnist meiner örtlichen Lokalzeitung die europäischen Einwanderer gar, das Stadtbild von Canterbury mit "Pockennarben" in Gestalt von Kaffeehäusern und ethnischen Restaurants zu übersäen. Da kann man als Ausländer nicht gewinnen.

Man wird den Verdacht nicht los, dass unterhalb der unablässigen Brexit-Manie etwas anderes lauert. Es ist gerade die verdrängte Aussicht auf die bevorstehende, ultimative Demütigung Britanniens in den kommenden EU-Austrittsverhandlungen, die die nationale Ader erst so richtig zum Schwellen bringt. Der zunehmende Verdacht, dass man sich selbst betrügen könnte, macht Brexiteers rasend. Ganz zu schweigen von der langsam durchsickernden Erkenntnis, dass zu alledem auch noch die pro-europäischen Provinzen Schottland und Nordirland wegbrechen könnten.

Neulich verließ ich die liberale Blase meines Umfelds, als ich meinem Auto beim örtlichen Reifenhändler Sommerreifen aufstecken ließ. "Jetzt, wo das Pfund einen Scheißdreck wert ist", sagte der lokale Oldtimer-Sammler, könne er sich gar keine Autos mehr kaufen. "Ich glaub ja nicht, dass wir da so toll rauskommen, wie die sagen", meinte der Reifenhändler. "Na sicher nicht", bestätigte der Oldtimer-Sammler, "das wird noch eine Sauwirtschaft." "Ein Trump müsste her", meinte der Reifenhändler.