Paris. Am Ende waren sich die fünf Rivalen zumindest in einer Sache einig: dass ihre Ansichten darüber, wie Frankreich regiert werden soll, weit auseinanderliegen. Erstmals standen sich die fünf aussichtsreichsten der insgesamt elf Kandidaten für die französische Präsidentschaftswahl am 23. April und 7. Mai in einer dreistündigen TV-Debatte gegenüber. Peinlich genau achteten die Moderatoren darauf, dass alle bei gleicher Redezeit ihre Vorschläge zu diversen Themen von Arbeitsmarktreformen über die Schulpolitik bis zur Terrorbekämpfung präsentieren konnten.

Zu Kontroversen kam es erst zu fortgeschrittener Stunde, als die zurückhaltende Höflichkeit abfiel. Die Betrugsvorwürfe gegen den Republikaner François Fillon sowie die Rechtspopulistin Marine Le Pen, die bislang den Wahlkampf dominiert hatten, wurden nur indirekt gestreift. "Ich habe Fehler begangen, ich habe Schwächen, aber wer hat keine?", setzte Fillon an, ohne das laufende Strafverfahren wegen des Verdachts der Scheinbeschäftigung seiner Frau und zwei seiner Kinder als parlamentarische Mitarbeiter zu erwähnen. Wie die Zeitung "Le Monde" berichtete, hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen inzwischen sogar auf "schweren Betrug und Fälschung" ausgeweitet. Stattdessen übte sich der 63-Jährige in staatsmännischer Zurückhaltung und versprach im Fall seiner Wahl Gesetzesinitiativen für mehr Transparenz und eine "Moralisierung des öffentlichen Lebens". Wie ausgerechnet Fillon ein glaubwürdiger Garant dafür sein will - das fragte ihn niemand.

Am schärfsten im Schussfeld stand der Umfragefavorit Emmanuel Macron. "Wenn ich nicht da wäre, würden Sie sich alle langweilen", rief der 39-Jährige selbstbewusst in die Runde. Der Sozialist Benoît Hamon warf ihm intransparente Finanzierung seiner Partei "En marche!" ("In Bewegung!") vor. Front-National-Chefin Marine Le Pen bescheinigte Macrons Ausführungen eine "absolute Leere": "Sie haben ein irres Talent, Sie können sieben Minuten lang reden, ohne etwas zu sagen."

Macron bot Le Pen Paroli


Damit revanchierte sie sich für einen vorhergegangenen Schlagabtausch, bei dem Macron Le Pen zurechtgewiesen hatte, ein Burkini-Verbot habe nichts mit der Trennung von Staat und Religion zu tun, sondern mit der öffentlichen Ordnung: "Mit Ihren Provokationen spalten Sie die Gesellschaft!" Es war eines der wenigen Male, bei denen der aggressiv auftretenden Rechtspopulistin Paroli geboten wurde. Sie zeichnete ein tiefschwarzes Bild von einem Land im Niedergang: Überrannt von "Migranten-Strömen", gebeutelt von Arbeitslosigkeit und entmachtet, weil Frankreich nur noch eine "vage Region in der Europäischen Union" sei, aus der sie es herausführen wolle. Sie, Le Pen, stehe für einen Stopp der Einwanderung und einen strategischen Staat, der "intelligenten Protektionismus" betreibe anstatt Jobs in Osteuropa zu schaffen.

Für Macron kam es darauf an, sich als souveräner Politiker zu präsentieren, der für eine umfassende Erneuerung steht. Er hatte in seiner ersten großen TV-Debatte am meisten zu verlieren - und gewann durch sein offensives Auftreten. Laut Umfragen fand ihn eine Mehrheit der zehn Millionen Zuschauer am überzeugendsten. Gut schnitt auch der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon ab, der mit seinen Forderungen nach einem Ausstieg aus der Atomkraft und einem Ende der "Präsidenten-Monarchie" Furore machte. Nach der Wahl des Parteilinken Hamon zum sozialistischen Kandidaten hatten beide trotz Berührungspunkten eine gemeinschaftliche Bewerbung verweigert - und verantworten damit die Zersplitterung der Linken mit.

Hamon gilt als Enttäuschung des Abends. Er blieb bei Slogans wie einer "wünschenswerten Zukunft" dank des Grundeinkommens und der 32-Stunden-Woche, ohne ihre Umsetzung zu erklären. Angesichts Frankreichs Schuldenberg seien solche Versprechen unhaltbar, rügte Fillon - der als Ex-Premier unter Nicolas Sarkozy diese Lage mitverantwortet.

Innenminister tritt zurück


Neue Betrugsvorwürfe, die am Dienstag die Schlagzeilen bestimmten, betrafen diesmal nicht Fillon, sondern den sozialistischen Innenminister Bruno Le Roux: Er hatte seine beiden Töchter im Parlament angestellt, als sie noch minderjährig waren - und parallel ein Praktikum oder eine Schulausbildung absolvierten. Er hat noch am Dienstag seinen Rücktritt eingereicht. Nachfolger soll Matthias Fekl werden.