Ankara/Berlin. Selbst bei seiner Antrittsrede als deutscher Bundespräsident kam Frank-Walter Steinmeier nicht umhin, sich mit den verbalen Amokläufen des türkischen Präsidenten zu befassen. "Beenden Sie die unsäglichen Nazi-Vergleiche!", forderte der Ex-Außenminister am Mittwoch vor der Bundesversammlung Recep Tayyip Erdogan auf, nachdem dieser am Sonntag erstmals auch Kanzlerin Angela Merkel persönlich "Nazi-Methoden" vorgeworfen hatte.

Steinmeier stellte noch weitere Forderungen: "Respektieren Sie den Rechtsstaat und die Freiheit von Medien und Journalisten. Und geben Sie Deniz Yücel frei", sagte der frisch vereidigte Nachfolger Joachim Gaucks mit Blick auf den in der Türkei inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten. Die Mitglieder von Bundestag und Bundesrat quittierten die klaren Worte mit Beifall.

Erdogan hingegen goss weiter Öl ins Feuer. In Ankara wetterte er bei einer Versammlung gegen Europa. Nach dem Referendum zur Verfassungsreform am 16. April werde die Türkei ihre Beziehungen zur EU neu ausrichten, kündigte er an, und drohte: "Wenn Europa seinen Weg so fortsetzt, kann sich kein Europäer in irgendeinem Teil der Welt mehr sicher auf den Straßen bewegen". Erdogan spielte offenbar auf ein mögliches Wahlkampfverbot für türkische Politiker in der EU an, das derzeit diskutiert wird. Zuletzt hatte Deutschland als Reaktion auf Erdogans jüngsten NS-Vorwurf ein solches postuliert.

Die der Regierungspartei AKP nahe stehende Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) hatte daraufhin am Dienstag angekündigt, bis Mitte April keine Wahlauftritte türkischer Politiker in Deutschland mehr zu organisieren - ausgenommen Erdogan, über dessen Pläne man nicht bestimmen könne, wie es hieß. Regierungsbeamte würden weiterhin an Veranstaltungen im Ausland teilnehmen, allerdings würden sie keine Wahlwerbung für das Referendum machen, bestätigte Vizepremier Numan Kurtulmus am Mittwoch in Ankara.

Derweil beschimpfte Erdogan kritische Journalisten des Landes. "Alle Journalisten im Gefängnis sind Diebe, haben Kinder missbraucht oder sind Terroristen", polterte er in Ankara. Auch den "Welt"-Korrespondenten Yücel beschuldigte er erneut, als Spitzel gearbeitet zu haben. Dieser sei ein "Agent" und ein "Terrorist". Dem Untersuchungshäftling werden Propaganda für eine Terrorvereinigung und Volksverhetzung vorgeworfen, ihm drohen zehn Jahre Haft. Insgesamt sind derzeit rund 150 Medienvertreter in der Türkei wegen nicht-genehmer Berichterstattung in Haft.