Straßburg. In den vergangenen Monaten wurde besonders häufig an sie appelliert: die deutsch-französische Freundschaft. Durch ihren Zusammenhalt wollen die beiden Nationen anstehende Herausforderungen wie den Brexit meistern und Antworten auf den ungewissen US-Kurs unter Donald Trump und den in Europa aufkeimenden Populismus finden. Die Herausforderungen sind neu, die Partnerschaft der beiden Länder ist es nicht. Ob Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt, François Mitterrand und Helmut Kohl oder Angela Merkel und François Hollande: Seit über 50 Jahren treten Berlin und Paris Seite an Seite auf.

Als Geburtsstunde der deutsch-französischen Beziehungen gilt die Unterzeichnung des Élysée-Vertrags. Am 22. Jänner 1963 legten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle damit den Grundstein für die Annäherung beider Länder nach dem Krieg. Schnell folgten Städtepartnerschaften, Austauschprogramme, zweisprachige Schulen und die Gründung grenzüberschreitender Institutionen. Das 50-jährige Bestehen des Élysée-Vertrags wurde 2013 mit großem Trubel gefeiert.

Wirklich einig waren und sind sich Frankreich und Deutschland allerdings selten. Schon bei der Vertragsunterzeichnung verfolgten beide unterschiedliche Interessen. Während für Adenauer die sowjetische Bedrohung im Vordergrund stand, war de Gaulles Ziel vor allem, einen Gegenpol zu den USA und den Briten zu schaffen.

Auch unter Franzosen und Deutschen ist oft eher von Respekt als von Freundschaft die Rede. Das Forschungsinstitut CSA befragte kürzlich 1300 Franzosen zu ihrem Verhältnis zu Deutschland. Das Ergebnis: Nur 29 Prozent war das Nachbarland sympathisch. Wie sehr die deutsch-französische Annäherung dennoch in den Alltag der Menschen Einzug hielt, zeigt sich in der Grenzregion, etwa im französischen Elsass, heute Teil der Region Grand-Est. Kein anderes Gebiet Frankreichs hatte so sehr unter der ehemaligen Feindschaft mit dem Nachbarn gelitten. Viermal wechselten die Menschen hier zwischen 1871 und 1945 die Staatszugehörigkeit und oft auch die Uniform. Während des Zweiten Weltkriegs mussten viele Elsässer zuerst für Frankreich und später für Deutschland kämpfen.

Kleine Gesten statt große Feiern

Für die jüngere Generation gehört die längst der Vergangenheit an. Sie sehen das freundschaftliche Verhältnis zu Deutschland heute als selbstverständlich. Es zeigt sich nicht unbedingt in großen Gesten und Feiern, sondern in ganz alltäglichen Kleinigkeiten. Regelmäßig verschlägt es die Elsässer auf die andere Seite des Rheins, und sei es nur, um dort günstigere Lebensmittel zu kaufen. Umgekehrt kommen auch die Deutschen nach Straßburg oder Colmar, oft nur für ein Gläschen Wein und französisches Flair.

Auch zu den Spielen des Straßburger Fußballclubs Racing reisen deutsche Unterstützer an. Vor allem mit den Fans des Karlsruher-SC seien die Beziehungen gut. "Wir inspirieren und unterstützen uns gegenseitig, auch das zeichnet eine Freundschaft aus ", sagt der Racing-Fan Luc Sorgius.

Über fünfzehn Schulen bieten in der Region eine zweisprachige Ausbildung mit dem Abschluss AbiBac an. Eine französische Grundschule siedelte sich sogar auf der anderen Seite der Grenze, in der deutschen Gemeinde Kappel-Grafenhausen an.

Politische Strukturen wie der "Eurodistrict" fördern in der Region grenzüberschreitende Projekte. Und auf dem Rhein ist seit zehn Jahren ein deutsch-französisches Feuerlöschboot im Einsatz. Kulturtechnisch gebe es dabei kaum Differenzen. "Wenn es wo hakt, dann bei der Verständigung", meint Hervé Voltz vom deutschen Team.

Eine Trennlinie, die allerdings nach wie vor besteht, ist die wirtschaftliche. Im Elsass liegt die Arbeitslosigkeit bei rund 9 Prozent, im benachbarten Baden-Württemberg bleibt sie unter 4 Prozent. Fachkräfte werden dort dringend gesucht, doch diese müssen Deutsch können. Bei der jungen Generation ist das oft nicht mehr der Fall. Auch lernen immer weniger deutsche Jugendliche Französisch. "Viele Schüler halten die Sprache für elitär und schwer erlernbar", erklärt Arnaud Sète von der französischen Botschaft in Berlin. Auch aus wirtschaftlicher Sicht sei Frankreich für die jungen Deutschen heute weniger interessant. Das einzige Bundesland, in dem die Zahl der Französisch-Lernenden nicht zurückgeht, liegt in der deutschen Grenzregion: Im Saarland lernen nach wie vor 64 Prozent der Schüler die Sprache des Nachbarn.