"Die Politik weiß jetzt, dass wir sie kontrollieren", sagt Bihunow. Inzwischen nimmt der Bürgermeister an Diskussionsrunden der Aktivisten teil. Die Sitzungen des Stadtrads werden online übertragen. So sei es gerade die korrupte Elite im Donbass gewesen, die nie vor seinen Bürgern Rechenschaft ablegen musste, die den "Russischen Frühling" erst ermöglicht habe. Dass die Politiker heute offener für den Dialog sind, ist einer der kleinen Schritte, die Slowjansk seit 2014 verändert haben, glaubt Bihunow.

Bar jeder wirtschaftlichen

Zukunftsperspektive

Doch eine aufkeimende Zivilgesellschaft und ein Jugendzentrum sind das eine - eine stabile Wirtschaft, die den Menschen auf lange Sicht eine Zukunftsperspektive gibt, das andere. Zwar sind in Slowjansk inzwischen wieder 80 Prozent der Fabriken aus der Vorkriegszeit in Betrieb. "Es hat aber nicht eine einzige Großinvestition in den vergangenen Jahren in der Region gegeben", klagt derweil der Bürgermeister Wadim Ljach. "Geld liebt nun mal Ruhe." Für Investoren ist der Krieg, der von hier immerhin noch zwei Autostunden entfernt ist, noch immer laut genug.

Ljach gehört zum Kiew-kritischen Lager in Slowjansk. Er war selbst viele Jahre Mitglied der Partei der Regionen des nach Russland geflüchteten Präsidenten Wiktor Janukowitsch und wurde für die Nachfolgepartei Oppositionsblock 2015 zum Bürgermeister gewählt. Heute hängt ein Ölporträt des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko an der Wand seines Amtszimmers, gegenüber steht eine mannsgroße ukrainische Fahne. Heute wird die Loyalität zu Kiew in Slowjansk nicht mehr in Frage gestellt, versichert er. "Nur, weil wir kritisch gegenüber Kiew sind, heißt das nicht, dass wir für Russland sind."

Zwischen

den Stühlen

Trotzdem habe es die ukrainische Zentralregierung bisher verabsäumt, die Herzen und Köpfe der Bewohner zu erobern, kritisiert er. Ein Gesetz verhindert es bis dato, staatliche Gelder für den Wiederaufbau der privaten Wohnhäuser umzuleiten. Die Folge: In den Slowjansker Wohngebieten stehen bis heute noch rund 100 ausgebombte Häuser. Dass Kiew nicht alle Hebel in Bewegung setzt, um die ehemalige Hochburg der Separatisten wieder aufzubauen, habe für viel Misstrauen gesorgt. Auch die 1,7 Millionen Binnenflüchtlinge, die bei den Behörden registriert sind, werden kaum vom Staat unterstützt. "Die Menschen hier fühlen sich so, als würden sie für die Ereignisse von 2014 bestraft werden", sagt Ljach.

Zurück im Jugendzentrum. Skripnik ist jemand, der trotzdem optimistisch in die Zukunft blickt. So sind es vor allem junge Menschen, die in den vergangenen drei Jahren viel aktiver geworden sind, sagt er. Er möchte in Slowjansk bleiben, trotz der tristen wirtschaftlichen Lage. "Wenn wir nichts verändern, wird es niemand tun", sagt er.