"Sobald wir unsere Plakate aufhängen, werden sie wieder abgerissen", sagt Yilmaz Yildirim, "das ist eindeutig organisiert." Während die Opposition auf eigene Geldmittel zurückgreifen muss, schöpft die AKP aus dem Vollen, kann staatliche Ressourcen wie Gebäude, Plakatflächen oder Busse für Fahrten zu Auftritten des Präsidenten nutzen und sogar Geldgeschenke verteilen. "Die AKP hat für unseren Stadtteil mit 500.000 Einwohnern rund eine Million Euro zur Verfügung, meine Partei für das ganze Land nur zwei Millionen", sagt der Lokalpolitiker. Auch in den klassischen Medien kommen vor allem Reformbefürworter zu Wort. Die Fernsehsender sind inzwischen fast gleichgeschaltet, Zeitungen und Zeitschriften zu rund 90 Prozent auf Regierungslinie gebracht. Politiker der linken, prokurdischen HDP wurden bisher erst einmal in eine Livesendung eingeladen. Die HDP-Spitze sitzt ebenso im Gefängnis wie tausende ihrer Mitglieder.

Von Tür zu Tür

"Wir Oppositionelle müssen deshalb kreativer sein und auf unkonventionelle Mittel zurückgreifen. Das haben wir bei Gezi gelernt", sagt Cem Tüzün, CHP-Politiker und Veteran der Gezi-Bewegung von 2013, der in Gaziosmanpasa an diesem Tag Wahlkampf macht. So konzentrieren sich die "Nein"-Sager auf Tür-zu-Tür-Gespräche, kleben "Nein"-Sticker auf Häuserwände und Pflaster, bilden den Schriftzug "Hayir" mit ihren Körpern nach und posten die Körperschrift im Internet. Eine entscheidende Rolle spielen die sozialen Medien. Am Donnerstagmorgen verabreden sich Tausende im Internet zu einer Aktion in U-Bahn-Stationen, an Fähranlegern und Busstationen der ganzen Stadt, verteilen Flugblätter und rufen dazu auf, für das "Nein" zu stimmen. Am Donnerstagnachmittag stehen dann fünfzig junge Jusstudenten der Istanbul-Universität vor der berühmten Neuen Moschee im Herzen des konservativen Stadtteils Eminönü, verteilen Flyer und sprechen Passanten an. "Viele wissen noch immer nicht, worum es eigentlich geht, denn in den Medien herrscht Informationsverschmutzung. Die Leute informieren sich nicht, sondern glauben alles, was man ihnen erzählt", sagt die 20-jährige Nilay Yilmaz. "Wir erklären ihnen die geplante Verfassungsreform."

Es ist zwar offensichtlich, dass die Studenten dem "Nein"-Lager zuneigen, aber sie nehmen ihr Neutralitätsgebot sehr ernst. "Wir achten strikt darauf, keine Propaganda für die eine oder andere Partei zu machen", sagt Yilmaz‘ 23-jähriger Kommilitone Arda Yamanlar, der davon erzählt, dass seine Eltern sich wegen seines Engagements Sorgen machten. "Aber ich sage ihnen wie den Leuten hier, dass die Abstimmung wichtig ist. Es geht um die Zukunft unserer Generation. Und unseres Landes."

Auch in Eminönü sammeln sich weit mehr Interessierte vor dem "Nein", als vor dem "Ja"-Stand. Dort stehen junge Frauen in schwarzen Umhängen, die erklären: "Wir vertrauen Tayyip Erdogan bis zum Ende. Er ist einmalig." Eigentlich aber bietet sich überall in Istanbul dasselbe Bild. Die "Nein"-Sager haben das Momentum auf ihrer Seite. Sie wirken nicht unbedingt besser organisiert, aber motivierter und aktiver. "In einem demokratischen Land sollte nicht ein solcher Druck auf die Opposition ausgeübt werden", sagt Nurgul Bastus, 56, eine pensionierte Lehrerin, die vor dem Stand der CHP im säkularen Bezirk Kadiköy Flyer verteil. "Es ist schön, dass wir endlich mal wieder Flagge zeigen können nach all der Repression im Ausnahmezustand."

Prominente "Nein"-Sager

Zeitungen berichten sogar, dass prominente Konservative wie der frühere Präsident Abdullah Gül ebenso wie der ehemalige Regierungsberater Etyen Mahcupyan und die Frau des MHP-Gründers Arpaslan Türkes mit "Nein" stimmen werden. Und in Kadiköy geschieht am Donnerstagabend etwas, das selten geworden ist in der Türkei. Ein 42-jähriger Mann, zum Zopf gebundene graue Haare, beginnt eine ernsthafte Diskussion mit den AKP-Granden des Bezirks. "Wieso wollen Sie die Einmannherrschaft?", fragt der Langhaarige. "Demokratie bedeutet, Kompromisse zu schließen und Koalitionen einzugehen. Wenn wir unseren Kindern das nicht beibringen, erziehen wir sie zu Untertanen, die nur brav gehorchen." Der lokale AKP-Chef Isah Mesih Sahin, studierter Jurist, antwortet: "Es waren Koalitionsregierungen, die unser Land bedroht haben. Kompromisse schaden unserem Land. Wir brauchen eine starke Führung. Und deshalb wird das "Ja" gewinnen." Er wirkt, als sei er sehr sicher.