Als die Prozentbalken im Fernsehen stillstehen, fixieren sie dieses Ergebnis. Sie zeigen, dass die Abstimmung in Zentralanatolien, am Schwarzen Meer und in den konservativen kurdisch dominierten Großstädten Sanliurfa und Gaziatep entschieden wurde, wo die islamisch-konservative Regierungspartei AKP traditionell ihre Hochburgen hat und das Ja-Lager Ergebnisse um die 70 Prozent holte. Das fromme Anatolien hat gegen den säkularen Westen und den kurdisch geprägten Südosten votiert – und gegen die türkische Republik, wie sie Mustafa Kemal Atatürk einst begründete, und die mit all ihren Schwächen bis zum Sonntag fortbestand. Mit dem erklärten Sieg Erdogans beginnt eine neue Ära, in der Demokratie nur noch eine Hülle für seine Machtfülle ist.

Unter den Erwartungen

Aber sind insgesamt 51,4% wirklich ein gutes Resultat für Erdogan, die AKP und ihren neuen Verbündeten, die rechtsextreme Oppositionspartei MHP? Bei den letzten Parlamentswahlen im November 2015 kamen beide Parteien zusammen auf rund 65 Prozent der Stimmen. Bei der Präsidentschaftswahl 2014 holte der "Boss", wie Erdogan von seinen Anhängern genannt wird, 52 Prozent. Man hätte also deutlich mehr Stimmen für das Ja erwarten können. Deshalb ist das Resultat des Verfassungsreferendums nach der Schlappe der AKP bei den Parlamentswahlen vom Juni 2015 ein weiteres Zeichen dafür, welche inneren Zweifel Erdogans eigene Basis inzwischen plagen.

Massive Zweifelan der Redlichkeit und Genauigkeit der Hochrechnungen beginnt die Opposition schon kurz nach der Verfestigung der Resultate zu äußern, in den sozialen Medien und auch im Fernsehen. "Die Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur sind absolut unlauter", sagt Erdal Aksünger, stellvertretender Vorsitzender des elektronischen Informations- und Kommunikationssystems der CHP.

Amt abgeschafft

Der deutsche Bundestagsabgeordnete der Grünen, Özcan Mutlu ist den ganzen Tag über in Istanbul als Wahlbeobachter unterwegs gewesen. Er habe den Wahlprozess als entspannt und korrekt erlebt, berichtet er. "Das knappe Rennen, das wir nun erleben, wurde von allen seriösen Beobachtern und Umfrageinstituten vorausgesagt. Da sollte man abwarten, bis man genau weiß, wie es ausgegangen ist. Aber die AKP behauptet jetzt ein Ergebnis, das auf zweifelhaften Zahlen beruht."

Trotzdem tritt gegen halb zehn Uhr abends der AKP-Ministerpräsident Binali Yildirim auf den Balkon des Parteihauptquartiers in Ankara und erklärt einer Menge fahnenschwenkender Anhänger, dass die Wahl entschieden sei. Der Mann, der drei Monate lang Wahlkampf für die Abschaffung seines eigenen Amtes gemacht hat, spricht von Einigkeit und Versöhnung. "Diejenigen, die mit Ja und diejenigen, die mit Nein gestimmt haben, sind ein und dasselbe, sie sind so wertvoll wie die anderen. Ich drücke hiermit meine Wertschätzung aus für alle Bürger die mit ja oder Nein gestimmt haben. Ich grüße sie alle mit Liebe und Sympathie", sagt er. "Es gibt keinen Verlierer in diesem Referendum. Die Türkei ist der Gewinner, die geschätzte Nation ist der Gewinner." Seine Regierung werde nun sofort mit den notwendigen Schritten beginnen, "um das alte mit dem neuen System zu harmonisieren".