"Wiener Zeitung":Ihr Parteivorsitzender Kemal Kilicdaroglu hat bei der Hohen Wahlkommission eine Annullierung des Verfassungsreferendums beantragt, da es Hinweise auf Wahlbetrug gebe. Warum?

SezginTanrikulu: Die wichtigste Grundregel heißt: Man darf die Regeln nicht während des Spiels ändern; der Schiedsrichter muss neutral sein. Aber die Hohe Wahlkommission hat die Regeln nach dem Start geändert, und ihre Entscheidung hat das Gesetz eindeutig verletzt. Die Rechtslage ist eindeutig: Zuvor nicht authentifizierte Stimmzettel sind nicht gültig. Deshalb war die Entscheidung ungesetzlich und hat das Referendum vollkommen delegitimiert. Sie hat erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Gesamtresultats geweckt. Wir erkennen dieses nicht an.

Doch hat die Wahlkommission die zahlreichen Einsprüche nun abgewiesen. Auch Sie hatten an diese Institution appelliert, die zuvor die umstrittene Entscheidung selbst getroffen hatte. War das nicht aussichtslos?

Wir müssen jede rechtliche Möglichkeit ausschöpfen, um gegen das illegale Ergebnis vorzugehen, bis hin zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Es hat auch schon Überlegungen zu einem Auszug unserer Partei aus dem Parlament gegeben.

Viele Hinweise zu Unregelmäßigkeiten kommen aus den kurdisch geprägten Gebieten Südostanatoliens. Was wissen Sie darüber?

Wir hatten bereits sehr viele Informationen aus erster Hand, dass während der Wahlkampagne und besonders kurz vor der Abstimmung Ortsvorsteher, Dorfschützer, Beamte und Staatsangestellte in der Region enorm unter Druck gesetzt wurden, die richtigen Resultate im Sinne der Regierung zu produzieren. Es gab Drohungen. Besonders in den ländlichen Gebieten war der Druck immens. Vom Wahltag haben wir Berichte, dass Leute an Stelle anderer gewählt haben, dass Menschen an einigen Orten gezwungen wurden, offen zu wählen und es sogar zu kollektiven Stimmabgaben kam. Aber trotz des gewaltigen Drucks haben die Kurden mehrheitlich Nein gesagt.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte sich ein starkes Mandat für sein Präsidialsystem gewünscht. Kann davon noch die Rede sein?

Das Ergebnis von 51,4 zu 48,6 Prozent ist für ihn ein Desaster. Er hat fast alle wichtigen Großstädte und praktisch den gesamten Westen und Südosten des Landes verloren. Das hat er mit Sicherheit nicht erwartet, als er den Referendumsprozess startete. Trotz der Manipulationen, des massiven Einsatzes von Gewalt und staatlicher Mittel für die Annahme dieses Gesetzestextes, der nicht nur eine Änderung der Verfassung, sondern ein Systemwechsel ist, steht am Ende ein Resultat, das all dies zu Unrecht macht.