"Ich habe Respekt für die Stimmen der Linken und Mélenchon, aber nicht zur Wahl gegen Madame Le Pen aufzurufen, ist ein unhaltbarer Fehler, wenn man links steht", reagierte Sozialisten-Chef Jean-Christophe Cambadélis am Montag, wohl wissend, dass seiner Partei schwere Unruhen bevorstehen.

"Republikanische" Barriere gegen die extreme Rechte

Auch Ex-Premierminister Manuel Valls sprach von einer "Phase der Dekonstruktion". Dasselbe gilt für die Republikaner, über die sogar das konservative Blatt "Figaro" titelte: "Die Rechte ist K.o." Dabei hatten diese bei dieser Präsidentschaftswahl ursprünglich ausgezeichnete Siegchancen. In einer viel beachteten Vorwahl mobilisierten sie zahlreiche Wähler und bestimmten mit Fillon ihren Kandidaten - der sie dann mit in seinen Affärensumpf zog.

Wochenlang bestimmten die Vorwürfe der Scheinbeschäftigung seiner Frau und zwei seiner Kinder, die Enthüllungen über seinen aufwendigen Lebensstil und teure Geschenke zwielichtiger Spender die Schlagzeilen. Sie machten Fillon unglaubwürdig, der sich als "Kandidat der Ehrlichkeit" und mutiger Reformer präsentieren wollte. Viele seiner Anhänger sahen ihren Kandidaten als Opfer der Medien: "Sie haben ihm keine Chance gelassen", schrieb Fillon-Wähler Sébastien in den sozialen Netzwerken: "Welche Naivität zu glauben, Macron bedeute Neuanfang!" Noch am Wahlabend übernahm der Ex-Premier, der mit 20 Prozent nur Drittplatzierter wurde, die Verantwortung für die Niederlage und lange dauerte es nicht, bis die ersten Parteifreunde nachtraten. "Nicht die bürgerliche Rechte hat verloren, sondern François Fillon", erklärte der frühere Arbeitsminister Eric Woerth am Montag.

Wie die überwiegende Mehrheit der Republikaner, darunter auch der glücklose Kandidat selbst, rief er zur Wahl Macrons auf. Danach erklärte er, sich zurückzuziehen und die bürgerliche Rechte nicht in die Parlamentswahlen im Juni führen zu wollen.

Erstmals sind zwar beide großen Volksparteien vorzeitig bei der Präsidentschaftswahl gescheitert. Aber sie konzentrieren sich nun auf die Parlamentswahlen im Juni, um sich dennoch Machtoptionen zu bewahren. Erst dann entscheidet sich, ob der Präsident Allianzen mit anderen Lagern bilden muss - denn die Mehrheitspartei in der Nationalversammlung stellt den Regierungschef. Bei Le Pen dürfte das im Falle eines Wahlsieges schwierig werden; "En Marche!" wiederum stellt zwar in allen Wahlkreisen eigene Kandidaten auf. Doch im Zweifelsfall könnte er auch mit den Sozialisten oder den Republikanern Koalitionen bilden. Es wäre Neuland für Frankreich, doch das scheint Macron nicht zu fürchten - so wie er in der Vergangenheit nichts für unmöglich hielt. Nicht einmal, der jüngste Präsident in Frankreichs Geschichte zu werden.