Was waren die europäischen Vorschläge von damals? Ungezählte europäische Bewegungen versuchten in der Zeit, als die europäische Geschichte noch offen war, also zwischen 1945 und 1949, aus ihren Konzepten reale Politik zu machen. Exemplarisch hierfür mag die "Hertensteiner Programm der Europäischen Föderalisten" vom September 1946 gelten. Vorschläge, in ganz Europa ein Parlament mit Wahlrechtsgleichheit und Wahlkreisen mit einem Volksvertreter pro 1 Million Wählern zu wählen, lagen bereits damals auf dem Tisch.
Die damaligen Föderalisten, prominent z.B. Alexandre Marc oder Denis de Rougemont, standen in der Tradition der sogenannten "Personalisten", einer integralen föderalen europäischen Bewegung jenseits von Nationalstaaten: Es geht nicht darum, Staaten zu integrieren, sondern Menschen zu einen, sagte schon Jean Monnet.

Wo stehen wir heute mit Europa und wie kann und sollte die europäische Demokratie weiterentwickelt werden? Können wir Verschiebungen messen in dem, was sich vor allem die Jugend heute für ein geeintes Europa wünscht?

Wenn wir also heute eigentlich keine "Renationalisierung" erleiden, sondern erneut einen "Bürgerkrieg des Geistes" beklagen: wie können wir der heutigen europäischen Krise dann begegnen? Anders als damals? Wie können wir dem Ziel "ein Markt – eine Währung – eine Demokratie" näher kommen? Schaffen wir diesmal den Weg heraus aus der nationalen Spur? Gibt es moderne Konzepte der europäischen Föderierung, die an das anknüpfen, was damals schon gefordert und gewollt wurde, die aber - wie bereits erwähnt - trotz großer Fortschritte durch die EU immer noch nicht erreicht wurden? Und kann man messen, ob solche Konzepte eingefordert werden bzw. in der Bevölkerung Anklang finden?

Meine eigene jüngere Forschung galt der Frage, ob wir messen können, ob sich mit Blick auf Europa und was wir uns von Europa wünschen, die Einstellungen verschoben haben. Anders formuliert: kann man sagen, dass es heute eine – vor allem jüngere – Generation gibt, die tatsächlich Dinge fordert, die schon die Föderalisten der ersten Stunde gefordert haben, die aber dann in den Strukturen der EU letztlich keine Beachtung fanden?
Zur Beantwortung dieser Frage möchte ich Ihnen kurz die Ergebnisse von zwei Studien vorstellen. Die eine habe ich 2015/16 mit Kollegen vom Wissenschaftszentrum Berlin durchgeführt; sie ist 2016 als Research Paper am WZB entstanden . Die andere ist eine laufende Studie, wo meine Kollegin, Elisabeth Donat und ich gerade in Zusammenarbeit mit der Linguistinnen der Universität Münster, einem Exzellenz-Cluster, ein Forschungsdesign entwerfen, in der Hoffnung, dass wir in den nächsten Monaten Drittmittel einwerben können, um diese Studie in einem größeren Rahmen hier an der DUK durchzuführen und dann darüber auch in den entsprechenden peer reviewed journals zu publizieren.

Zunächst also zum WZB:
Wir haben eine Studie gemacht, die zum Ziele hatte zu erforschen, ob neu gegründete europäische Think Tanks eine dezidiert andere Vorstellungen davonhaben, wie Europa heute organisiert sein sollte und ob sie andere politische Ziele mit Blick auf Europa verfolgen.
Beim Forschungsdesign haben wir junge europäische Think Tanks untersucht, also Think Tanks und europäische NGOs, die sich während der Eurokrise gegründet haben und die zum Zeitpunkt der Untersuchung nicht älter als 10 Jahre waren. Wir haben eine kleine Gruppe von neuen Think Tanks gefunden – Rock the Union, PDU (Project for a Democratic Union), European Alternatives, European Democracy Lab etc.) und in einem ersten Schritt die verfügbaren Daten aus dem Internet über diese Gruppen zusammengetragen (Finanzierung, Akteure, biographische Daten, Alter, Aktivitäten, Publikationen). In einem zweiten Schritt haben wir dann mehrere qualitative Interviews geführt, bei denen wir semantische Analysen über verwendete Begriffe haben, die wir dann codiert und statistisch ausgewertet haben.