Erleben wir, was wir erleben, zum ersten Mal – und was waren die Antworten vor rund 100 Jahren? Welche föderalen Konzepte Europas kennt die Geschichte und wie wird die EU ihnen gerecht?

In seiner Schrift Das geheime Europa, kurz vor seinem Tod an der Front verfasst, deutet der Maler Franz Marc den Ersten Weltkrieg als einen Kulturkampf geistig-moralischer Art, der zwischen den Kräften eines progressiv-künstlerischen und eines säkularisiert-materialistischen Europas ausgetragen würde. Zum ersten Mal wird der Erste Weltkrieg als ein Bürgerkrieg innerhalb einer kulturellen Einheit beschrieben:
"Denn in diesem Kriege kämpfen nicht, wie es in Zeitungen steht und wie die Herrn Politiker sagen, die Zentralmächte gegen einen äußeren Feind, auch nicht eine Rasse gegen die andre, sondern dieser Großkrieg ist ein europäischer Bürgerkrieg, ein Krieg gegen den inneren, unsichtbaren Feind des europäischen Geistes. Das muss einmal ausgesprochen und begriffen werden; dann wird man auch begreifen, dass wir nach dem entsetzlichen Blutopfer des Krieges den inneren Feind, den Ungott und Unhold Europas, die Dummheit und Dumpfheit, das ewig Stumpfe mit allen Waffen fort und fort bekämpfen müssen, um zu helleren Klängen, zur Helligkeit des europäischen Typus durchzudringen."

Berufen wir uns auf dieses Zitat des bekannten Malers Franz Marc, dessen verschollenes, berühmtes Bild "Die blauen Pferde" gerade in einer Ausstellung in Berlin geehrt wurde, dann erleben wir, was wir gerade erleben, nicht zum ersten Mal, sondern es gibt Analogien zu der Zwischenkriegszeit voreinhundert Jahren. Alles ist anders als damals – und doch ist vieles vergleichbar. Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, schreibt Leopold von Ranke. Nichts von damals lässt sich ernsthaft mit der heutigen Situation in der EU vergleichen, weder die gesellschaftliche, noch die wirtschaftliche oder politische Struktur, auch nicht der historische oder globale Kontext. Und doch gibt es Parallelen zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: eine rasante technologische Beschleunigung – was heute das Internet und die Roboter sind, waren damals der Telegraphenmast und die Flugzeuge; eine wachsende Zahl von Modernisierungsverlierern – damals die Masse der freien Landarbeiter und von der Industrieverdrängten Handwerker, heute die unqualifizierten und prekären Arbeitnehmer*Innen. Und nicht zuletzt eine neue "Krise der Männlichkeit": was damals die erste Demontage des Patriarchats durch das Frauenwahlrecht war, ist heute die Forderung nach 40% Frauen in den Vorständen. ‚Männlich‘ ist nach ‚Bildung‘ der zweitwichtigste Faktor bei rechtspopulistischen Voten. In seinem Buch Männerphantasien beschrieb Klaus Theweleit schon in den 70ern anschaulich, dass Nationalismus, Militarismus und schließlich Faschismus u.a. auch eine Reaktion auf die erste Frauenbewegung war. Auch heute geht es um Schutz, Sicherheit und nationalen Rückzug, gepaart mit autoritärer Versuchung und dem Wunsch nach starker Führung, vor allem bei jungen Männern, die den Glauben in die Demokratie zunehmend verlieren. Verschiedene Faktoren führen also zu einer großen Verunsicherung in der Bevölkerung, die schlichtweg den Glauben an die Politik, oder das System verliert – und daran, dass die Politik die Dinge für sie besser macht.